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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Inschriften auf Kindergrabmalen: "DER HERR HATZ GEGEBEN / UND GENOMMEN"

Inschriften auf Grabmalen von Kindern sind oft sehr anrührend. Einige Beispiele sollen im Folgenden zeigen, welche Inhalte diese Texte hatten und wie sie sich vom Beginn der Neuzeit bis in die Gegenwart verändert haben.

Grabmale für Kinder sind in größerer Zahl erst aus der Zeit nach der Reformation überliefert. Solche aus dem 16. und 17. Jahrhundert finden sich noch heute in einer ganzen Reihe von Kirchen und auf einzelnen Kirchhöfen. Dort kann man neben den Grabtafeln und Epitaphen der Erwachsenen an den Wänden manchmal kleinere Steintafeln finden, auf denen Kinder in unterschiedlicher Haltung und Kleidung erscheinen.

Andreas Breuning
Grabmal für Andreas Breuning (gest. 1591) in der Kirche von Winnenden
Foto: Roland Haar

Diese frühen Kindergrabmale tragen oft ausführliche Inschriften, wie jene auf den Tafeln für zwei kleine Söhne des Junkers Hans Jacob Breuning in Winnenden, wo es auf der einen heißt:

"Anno dm 1591 den 18. November / starb auch in Christo seeliglich / Andreas Breuning des Edlen und / Junckher Hans Jacob Breuning / von und zu Buockenbach sönlin / Nach erlangter heylig Tauff länger nicht / dan vier stund gelebt. Gott wölte es am jüngsten Tag mit Wie alle auff /erweckte fröhlich Erwecken. Amen".

Und auf der anderen steht zu lesen:

"Anno dm 1592 den 3. Okto / bris starb zu Christo seelig / lich Hans Wolff Breuning des Edlen und Beste Hans / Jakob Breuning von und zu / Buockenbach sönlin seines alt / ers 10 Woche. Gott wöll im an / jenem Grossen tag ein fröliche ... / ständ verleyhen Amen."

H.W. Breuning
Grabmal für Hans Wolff Breuning (gest. 1592) in der Kirche von Winnenden
Foto: Roland Haar

Diese Texte verkünden dem Leser neben der Nachricht von der christlichen Taufe und dem geringen Lebensalter des verstorbenen Kindes zugleich auch die christliche Hoffnung auf die zukünftige Auferstehung. Dazu werden als dritte Aussage Name und Stand des Vaters besonders betont.1

Auch ein Jahrhundert später wird die Auferstehungshoffnung ausgesprochen. In Jade (Landkreis Wesermarsch) steht auf dem alten evangelischen Kirchhof eine besonders ungewöhnliche Grabstele aus dem Jahr 1679, die für drei früh verstorbene Kinder eines Pastorenpaares errichtet wurde. Das Elternpaar selbst ist übrigens in der Kirche beigesetzt.

Jade 2
Blumen und Inschriftfläche von der Grabstele für die Kinder des Pastors Tormin in Jade
Foto: Monika Sabrowsky

Die eine Seite der Stele ist ganz von der Darstellung eines sogenannten "Lebetot" ausgefüllt.

Jade 1
"Lebetot" von der Grabstele für die Kinder des Pastors Tormin in Jade (gest. 1668 und 1677)
Foto: Monika Sabrowsky

So wird die senkrecht in zwei Teile geteilten Gestalt volkstümlich genannt, deren eine Hälfte lebendig, die andere aber als Skelett wiedergegeben ist. Darunter befindet sich eine Inschrift, die passend zum Bild den Vorübergehenden an den eigenen Tod erinnert und ihn zugleich mit dem Gedanken an die Auferstehung tröstet:

"STIRB DEN ALTEN MENSCHEN AB / LAS DEN NEUEN FÜR GEHEN / TÄGLICH / DENK IM LEBEN AN DAS GRAB / TRÖST DICH MIT DEM AUFERSTEHEN!"

Die andere Seite der Stele trägt ein Relief mit drei Blumen, die verwelkt zu Boden sinken. Sie stehen in einer Vasenform mit den Namensinschriften der drei verstorbenen Kinder:

"IN TODTGEBORNES SOHNLEIN 1668 / CATHARINA-ELISABETH / GEBO / GESTORB 1668 / CLARE ELISABETH / GEB: 1672 GEST: 1677"

Darauf folgt der Text:

"DER HERR HATZ GEGEBEN / UND GENOMMEN WAS: JOHANN TORMIN / PASSOR UND MARIA GEB. NIGRINS AUS / HREM EHEBETTE HIESAETEN ALS IHR / GLAUBE HOFFETE WEN DIE TODTEN / BEIDE GROS UND KLEIN AUFFERSTEHEN / WERDEN AUCH DIESE IHRE LEIBESFRÜCH / TE GRÜNEN BLÜHEN UND ZUR VOLL / KOMMENEN HERRLICHKEIT WIEDER / VEREINIGT WERDEN MIT / IHREN SEELEN WELCHE GOTT / GEFALLEN DARUM ER MIT / IHNEN GEEILET AUS DIE / SEM BÖSEN LEBEN"2

Hier wird ein weiterer Gedanken ausgesprochen, nämlich dass die Kinderseelen mit dem Tod sozusagen "rechtzeitig" aus einem "sündhaften Leben" abberufen und in eine bessere Welt eingegangen sind.

Den in dieser Stele verbildlichten Vergleich des Kindertodes mit dem Verwelken von Blüten findet man auch auf dem Grabmal für die mit neun Jahren verstorbene Anne Fiecksen in Langwarden wieder, wo er als Bibelzitat erscheint. Dort ist unter einem Totenschädel mit einer geflügelten Sanduhr zu lesen:

"ANNO 1698 DEN 28 NOVEMB / IST SEELIGE HAYE FIECKSEN / TOCHTER ANNE AUFF DIESE / WELT GEBOHREN IM HER / REN SEELIG WIEDER VER / SCHIEDEN / ANNO 1707 TOT DEN 13 FEBR / TEXTUS HIOB AM 14 CAP V 5 / DER MENSCH VOM WEIBE GEBOHREN LEBET KURZE / ZEIT UND IST VOL UNRUHE / GEHET AUFF WIE EINE BLUM / UND FÄLLET AB FLEUCHT / WIE EIN SCHATTEN UND /BLEIBET NICHT"3

Dieser Vergleich wird auch in den folgenden Jahrhunderten gern wiederholt; so zum Beispiel auf dem namenlosen Grabmal aus Witzenhausen-Neuseesen aus der Zeit 1740:

"UNTER / DIESEM STEINE / LIEGEN DIE GEBEINE / EINES EINGEN SOHN / AN DER BESTEN BLÜTE / HAT IHN GOTTES GÜTE / BRACHT VOR SEINEN THRON / ER IST SCHON VOLLKOM / WEIL ER AUFGENOMEN / IN DER ENGEL ZAHL / DIE IHR DIESES LESET / DENKT DAS / IHN VERWAHR ENDLICH ALLZU ...."4

Mit der Vorstellung, dass die Kinder selbst zu Engeln werden, tritt hier ein weiteres Motiv hinzu, das in der Folgezeit in den Inschriften und Bildern einen besonders wichtigen Platz einnimmt. Dazu gehört auch jene oft wiederholte Inschrift, die in der Nachfolge Martin Luthers besondere Beliebtheit erlangte, nämlich der Bibelvers aus Markus X, 14:

"Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solcher ist das Reich Gottes."5

Aber auch die Ideen der Aufklärung haben sich auf die Texte der Kindergrabmale ausgewirkt. Neben die christliche Auferstehungshoffnung rückte die Vorstellung vom Kreislauf der Natur. So in der eindrucksvollen Inschrift, mit der Ernst Moritz Arndt seinen – im Alter von zehn Jahren ertrunkenen – Sohn Willibald die Besucher noch vom Grabmal aus grüßen lässt:

"GUTE NACHT; IHR MEINE FREUND‘ / ALLE MEINE LIEBEN / ALLE DIE IHR UM MICH WEINT / LASST EUCH NICHT BETRÜBEN / DIESEN ABSTEIG DEN ICH THU / IN DIE ERDE NIEDER / SEHT DIE SONNE GEHT ZUR RUH / KOMMT DOCH MORGEN WIEDER"6

Insgesamt scheint allerdings die christliche Auferstehungshoffnung gerade beim Verlust eines geliebten Kindes das tragende und tröstende Element gewesen zu sein. Sieht man sich die Inschriften an, die von Kindergrabmalen des Ohlsdorfer Friedhofs überliefert sind, so trifft man zum Beispiel auf dem Grabmal für den fünfjährigen Fred-Harry Landgrebe aus dem Jahr 1910 auf den folgenden Text, in dem sowohl die tiefe Trauer um das verlorene Kind wie die religiöse Hoffnung auf ein Wiedersehen vor Gott zu finden ist:

"An Deinem Grabe stehen sie, die Deinen, / Das treue Vater- und das treue Mutterherz, / Weil sie in Dir den einz'gen Sohn beweinen, / So tief gebeugt von bitt'rem Trennungsschmerz. / Und nur die Hoffnung lehrt sie überwinden, / Dass sie vor Gottes Thron Dich wiederfinden."7

Insgesamt werden die Aussagen im Laufe der letzten beiden Jahrhunderte heterogener, wobei der Schmerz und die Trauer der Hinterbliebenen stärker zum Tragen kommt. Ein paar Beispiel vom Ohlsdorfer Friedhof mögen diese These unterstützen:

"Im blühendsten Leben / bist du von uns geschieden, / ein harter Schlag war es für uns / doch ewig wird im Herzen klingen / das Lied, der himmlische Gesang: / Es ist ein Ros entsprungen!"8

"Ich sehe schon des Himmels Pracht / Lebt wohl Ihr Eltern, gute Nacht."9

"Plötzlich entrissen. Warum. Unser Fränzel"10

"Geliebt und unvergessen / Ist unser einziger Sohn / Den Schmerz kann nur ermessen, / Wer es erfahren schon."11

Auch der Trost von einer besseren Welt, in welche die Kinder aufgenommen sind, wird noch ausgesprochen, wobei bei der folgenden Inschrift auffällt, dass darin zwar die Rede von einer besseren Welt ist, die Hoffnung auf ein Wiedersehen aber fehlt:

"Seid getrost geliebte Eltern / Trauert nicht um mich so sehr / Denn wohin ich jetzt gekommen / Fühlt man keinen Kummer mehr".12

Insgesamt lässt sich meiner Meinung nach schon an dieser kurzen Zusammenstellung von Grabinschriften eine fortschreitende "Verweltlichung" ablesen, die Tod und Jenseits immer mehr aus dem christlichen Kontext herauslösen. Gleichzeitig verlieren die Inschriften damit auch ihren tröstenden Charakter und konzentrieren sich stärker auf das Leid, das der zu frühe Tod eines Kindes hervorgerufen hat.


1 Ich danke Herrn Roland Haar aus Winnenden für die Überlassung von Fotos dieser beiden Grabmale.

2 Ich danke Frau Monika Sabrowsky für die Erlaubnis ihre Fotos hier zu übernehmen: Monika Sabrowsky, Grabstelen und Grabplatten im Oldenburger Land aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Quellen und Forschungen zur oldenburgischen Familienkunde, Bd.1, Oldenburgische Ges. für Familienkunde, Oldenburg 2006, Nr. 058-005

3 Ebd. Nr. 064-007

4 Totenhochzeit mit Kranz und Krone. Zur Symbolik im Brauchtum des Ledigenbegräbnisses. Hg. Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal e.V., Kassel (2009), S. 152, Abb. 102

5 Diese Inschrift erscheint z.B. noch im 19. Jahrhundert in Basel auf dem Grabmal der Helene La Roche. Vgl. dazu Barbara Leisner, Grabmale für Kinder. In: Grabkultur in Deutschland – Geschichte der Grabmäler. Hrsg. Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal e.V., Berlin (Reimer) 2009, S. 311-34, hier S. Abb.15

6 Grabmal für Willibald Arndt (gest. 1834) auf dem Alten Friedhof in Bonn (im Internet ist ein Bild des Familiengrabes zu finden unter: http://www.alter-friedhof-bonn.de/Bildergalerie.html#55)

7 Barbara Leisner; Heiko K. L. Schulze; Ellen Thormann, Der Hamburger Hauptfriedhof Ohlsdorf: Geschichte und Grabmäler, Hamburg 1990, Bd. 2, Nr. 582, S. 93

8 Ebd. Nr. 449

9 Ebd. Nr. 578

10 Ebd. Nr. 645

11 Ebd. Nr. 934

12 Familiengrab Commentz (1902, L-K 5/6), zitiert aus: Christine Behrens, Historische Kindergrabstätten in Ohlsdorf. In: Ohlsdorf – Zeitschrift für Trauerkultur, Nr. 74, III/2001.

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