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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Inschriften auf Grabmalen des Ohlsdorfer Friedhofs - Eine Sammlung von besonderem Reiz

In der letzten Ausgabe dieser Zeitschrift hat Günther Kell von seiner ertragreichen Tätigkeit als Inschriftensammler kurz berichtet. Nun liegt das Ergebnis vor und bedarf einer ausführlichen Erläuterung.

Sie ist zugleich eine Würdigung seiner geleisteten Arbeit, ehrenamtlich und als Mitglied des Förderkreises Ohlsdorfer Friedhof. Etwa ein Jahr lang, seit Oktober 2008, hat Günther Kell die Grabmale des Friedhofs flächendeckend nach jenen Inschriften abgesucht, die mehr als nur Lebensdaten aufweisen, nämlich Sprüche. Etwa 1750 Sprüche sind es z. Zt. Der Spruch und das Grabmal sind fotografisch dokumentiert und in einer Kartei nach Grablagen geordnet abgelegt. Für die Erschließung dieses Datenbestandes wurden Suchkarteien eingerichtet. Mit einer digitalen Erfassung in einer Excel-Datei ist begonnen worden.

Die Suchkriterien entwickelten sich im Laufe der Arbeit und orientierten sich an dem sich abzeichnenden Ergebnis. 17 themenbezogene Suchkriterien, wie Auferstehung oder Bibeltexte, Frau, Kind oder Mann, Niederdeutsch oder Fremdsprache, Seefahrt oder Weltkrieg, verweisen auf Sprüche, die inhaltlich mit dem genannten Thema in Verbindung zu bringen sind. Ein anderes Kriterium sind Stichwörter, 51 an der Zahl. Sie erscheinen im Spruch als herausgehobenes Wort und können mehrfach auf einen Spruch verweisen. Beispiele sind Arbeit, Beten, Herz, Schlaf, Schicksal, Tod, Unvergesslich oder Wiedersehen. Zum Auffinden seltener, wie Günther Kell die Bezeichnung wählte, Sprüche ist eine weitere Kartei eingerichtet worden. Hier führt jedoch nur ein "Durchblättern" zum Erfolg. Eine Auswahl wird weiter unten vorgestellt.

Mit dieser Sammlung liegt erstmals in der Geschichte des Friedhofs eine flächendeckende Übersicht über Grabmalinschriften vor. Eine Wertung der Inhalte oder eine Zuordnung zu gesellschaftlichen Tendenzen außerhalb des Friedhofs oder einem Zeitgeschmack muss noch von kompetenter Seite erfolgen. Hinsichtlich der christlichen Symbolik hat sich bereits vor etwa 100 Jahren H.F. Beneke in seinem Beitrag "Der Friedhof in Ohlsdorf und der Friedhofsdienst" auch noch heute gültige Gedanken gemacht. Er war Friedhofspastor (damals Hilfsprediger) und schreibt auf Seite 7 bis 12 seines Beitrages u.a.:

"Die große Mehrzahl der Gräber ist mit Tafeln oder bei Begüterten mit Steinblöcken geschmückt, welche dazu dienen, die Namen der Verstorbenen anzugeben und durch einen Spruch oder Vers zu dem Beschauer zu reden. … In erster Linie interessiert es uns natürlich, zu untersuchen, wie viele Sprüche der Heiligen Schrift wir dort finden. Aber gerade hier ist die Ausbeute sehr gering. … Mit Ausnahme einiger ihres Glaubens voll bewusster Christen, scheint die Bibelkenntnis des Volkes in Bezug auf Gräber sich nur auf das Wort: 'Die Liebe höret nimmer auf' zu beschränken. … Vergleicht man die gereimten Verse, welche auf den Tafeln stehen, so findet man neben einigen rührenden originellen und sogar humoristischen, die wohl die häusliche Poesie aus der Familie ihren Ursprung verdanken, viele sich stets wiederholende Verse von mäßigem dichterischem Wert."

Auf den ersten Blick hat sich bis heute nicht viel geändert. Immerhin hat Günther Kell 180 Bibelsprüche mit Angabe der Fundstelle und etwa 150 ohne Angabe, sowie 114 zum Thema Gott und nur sieben zur Auferstehung ausfindig gemacht. Etwa jede vierte Inschrift ist damit christlich geprägt. Wie die nachfolgenden, jedoch willkürlich ausgesuchten Beispiele zeigen, überwiegen am Anfang des vergangenen Jahrhunderts gereimte und im Wortlaut längere Verse. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts werden die Inschriften kürzer, weltlicher und lassen deutlich den Zeitgeschmack erkennen. Hier einige Beispiele:

Zwei Augen, die sich schließen / um nie mehr wach zu sein / o, wie viel Freud und Hoffnung / sargt man mit ihnen ein. (1902)

Nun hast Du mir den ersten Schmerz gethan / der aber traf. (1902)

Sei stets bereit (1904)

Die schöne Hoffnung die wir hegten / zerstört der Sturm wie welkes Laub /
Die schönste Blume die wir pflegten / sie wurde hier des Todes Raub.
(1906)

Ach wie rasch bist Du geschieden / teurer Vater aus der Zeit /
ließest trauernd uns hinieden / eiltest zu der Ewigkeit
(1916)

Auch ein Klagelied / zu sein im Mund / der Geliebten / ist herrlich (1919)

Nach Eimern zählt das Unglück / Nach Tropfen nur das Glück /
Ich gäb in tausend Eimern zwei Tropfen kaum zurück
(1927)

Losgelöst von der Mutter Erde / schlummern wir wunschlos / dem großen Rätsel entgegen (1931)

Und immer fließt die Alster (1948)

Es kann vor Nacht leicht anders werden (1935)

Der Mai so sonnig / wer dachte an Nachtfrost (1951)

Wohl Dir / Du hast es gut (1957)

Die letzte Fahrt (1969, mit abgebildetem Eisenbahnzug)

Und leise taucht der Tag in Nacht (1986)

Die Sonne sank / bevor es Abend wurde (1987)

Morgens – Hamburg / Nachts – Hannover (1987)

Komm und spiel mit mir (1995)

34.792 Lebenstage (2004)

Weint nicht / weil es vorbei ist / lacht / weil es schön war (2005)

Bitte keine Werbung (2006)

Liebe ist die / Brücke / von der Zeit zur Ewigkeit (2006)

Hier liegen / wir. Schön / dass ihr uns / besucht (2008)

Strawberry Fields Forever (2008, Beatles-Titel)

Unbeantwortet wird die Frage bleiben, auf wessen Veranlassung die Inschriften formuliert wurden. Der ausführende Steinmetz mag in seinem Angebot gängige Inschriften vorgehalten haben, so wie er Schablonen betender Hände und geknickter Rosen bereit hält. Die Verstorbenen aber selbst haben wohl nur in Ausnahmefällen zu Lebzeiten über die Wahl der Inschrift verfügt. Kennt man das Leben des Mannequins und Kult-Models Maxi Ebelseder (gest. 2005), so könnte man annehmen, dass sie den o. g. Spruch "Weint nicht / weil es vorbei ist / lacht / weil es schön war" auf ihrem Grabstein selbst gewünscht hat. Die Inschrift wurde damit zu einem Vermächtnis an jene, die ihr Grab besuchen werden. Ihr Grabstein wurde zur Visitenkarte über den Tod hinaus.

Maxi Ebelseder
Das Grabmal Maxi Ebelseder auf dem Ohlsdorfer Friedhof
Foto: Peter Schulze

Weitere eindrucksvolle Beispiele dazu beleuchtet ausführlich das von Peter Schulze in dieser Ausgabe erwähnte Buch "Mein letztes Wort". Welche Rolle Handwerker beim Fertigen eines persönlichen Erinnerungszeichens mit Sprüchen einnehmen können, zeigen die Tiroler Grabkreuze, von denen 2005 eine Auswahl im Museum Friedhof Ohlsdorf zu sehen waren (s. auch Ausgabe Nr. 90, III/2005). Ortsansässige Täfelchenmaler stellten kurz und knapp in Bildern oder Worten die besonderen Lebensumstände oder Todesursachen des Verstorbenen dar. Aber nicht nur der alpine Raum, auch die entlegene Region der deutschen Nordseeküste weist mit den Seefahrergräbern eine typische Grabmalkultur auf, deren Grabinschriften vom Leben der Verstorbenen berichten und damit ebenfalls zur Visitenkarte werden.

In etwa 70 der Ohlsdorfer Inschriften kommt das Wort "Liebe" vor; ein Wort, dessen Betrachtung hinsichtlich seiner Beständigkeit Zweifel aufkommen lässt. Schon vor hundert Jahren hat sich Friedhofspastor Beneke in seinem oben zitierten Beitrag Gedanken gemacht. Er bemerkt abschließend dazu: "Wenn man es miterlebt, wie die Leute bei der Beerdigung weinen und sogar schreien, und dann nachher beobachtet, wie sehr sie die Gräber verfallen lassen, so empfindet man das Wort 'die Liebe höret nimmer auf' geradezu als einen Hohn auf die Wirklichkeit. Über ganze Reihen von Gräbern könnte man schreiben:

'Ach wie ist der Menschen Liebe
So veränderlich und kalt!
Wie erstirbt sie doch so bald!
Setze nie auf diese Liebe,
Die nicht hält, was sie verspricht,
Seele, deine Zuversicht!'

Zu diesem Thema sei auch auf die Sandstein-Skulptur FINIS VITAE NON AMORIS hingewiesen, auf die Lutz Rehkopf in seinem Beitrag (siehe Ausgabe Nr. 108, I, März 2010) aufmerksam macht. Die Skulptur sollte einst auf einer Gemeinschaftsgrabstätte für Paare zu stehen kommen. Die Übersetzung des lateinischen Spruchs ist: "Das Leben endet, die Liebe nicht".

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Grabmalinschriften (März 2010).
Erkunden Sie auch die Inhalte der bisherigen Themenhefte (1999-2022).