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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Die Bischofsgruft und der Domherrenfriedhof im Hamburger Mariendom

Der in seiner bekannten Form 1248 errichtete Hamburger Mariendom war bis zur Einführung der Reformation im Jahre 1529 Konkathedrale des Bistums Bremen.

Sie wurde in den Jahren 1804 bis 1807 abgebrochen. Der Bau einer neuen Marienkirche 1893 in Hamburg - St. Georg war der erste katholische Sakralbau in Hamburg nach der Reformation. Hier entwickelte sich nach und nach ein reges katholisches Gemeindeleben, was schließlich dazu führte, dass der Weihbischof von Osnabrück, Johannes von Rudloff im Dezember 1957 in Hamburg seinen ständigen Sitz nahm. Damit wurde die Marienkirche wieder zu einer Bischofskirche, obwohl die hier residierenden Bischöfe keine Diözesanvollmachten hatten.

Krypta
Mariendom Krypta. Im Vordergrund der Altar, im Hintergrund die in die Wand eingelassenen Gruftnischen
Foto: Lange

Von Rudloff starb 1978 und wurde zunächst auf dem Ohlsdorfer Friedhof bei Kapelle 13 beigesetzt. Der Nachfolger von Rudloff, August Siegel (seit 1975 Weihbischof in Osnabrück für die Regionen Bremen und Niedersachsen und seit 1978 Bischofsvikar für Hamburg und Schleswig-Holstein), gab schließlich die noch heute in Gebrauch befindliche Bischofsgruft in Auftrag. Da die Marienkirche zu diesem Zeitpunkt keine Unterkirche hatte, wurde ein ehemaliger Kohlenkeller zur Gruftkapelle umgebaut. Den Auftrag hierfür erhielt der Künstler Heinrich Gerhard Bücker (1922-2008) aus Vellern bei Beckum. Der Fußboden erinnert mit seinem Belag aus Kieselsteinen an ein Flussbett. Die Platte des Altars ist eine Achatscheibe und scheint aus dem Boden emporzuwachsen. Viele der verwendeten Steine beinhalten urzeitliche Versteinerungen von Fischen, die ihrerseits wiederum auf das Christentum verweisen (die Anfangsbuchstaben des griechischen Wortes "ichthys" = Fisch bedeuten: Jesus Christus, Sohn Gottes, Retter und Erlöser). Die Grabnischen der Krypta sind in die Wand eingelassen und werden nach der Beisetzung mit einer schlichten Bronzeplatte gekennzeichnet. Hierauf sind nicht nur die Lebensdaten verzeichnet, sondern auch die Daten der Priester- und der Bischofsweihe sowie die Amtsdauer.

Grabplatte
Grabplatte für Weihbischof Siegel
Foto: Lange

Der Leichnam von Rudloff wurde nach Fertigstellung der Gruft 1983 genau fünf Jahre nach seinem Tod vom Ohlsdorfer Friedhof hierher überführt. Weihbischof Siegel wurde nach seinem Tod am 16.10.1990 direkt in der Bischofsgruft bestattet. Seitdem bietet die Anlage noch Platz für vier Beisetzungen. Die z. Z. in Hamburg wirkenden Erzbischöfe Ludwig Averkamp (emeritiert seit 2002) sowie Werner Thissen (im Amt seit 2003) bzw. die Weihbischöfe Norbert Werbs und Hans-Jochen Jaschke werden nach ihrem Tod vermutlich ebenfalls dort beigesetzt werden. Letztlich ist dies für die Betroffenen aber nicht verpflichtend, sondern deren eigene testamentarische Entscheidung. In der Regel ist es aber so, dass sich Bischöfe am Ort ihres letzten Wirkens beisetzen lassen.Mit der Wiedererrichtung des Erzbistums Hamburg durch Papst Johannes Paul II. am 7. Januar 1995 erfolgte die Erhebung der Pfarrkirche St. Marien zur Kathedralkirche. Seit dieser Zeit war klar, dass die Marienkirche für die Aufgaben einer Bischofskirche nur unzureichend geeignet war. Es fehlte eine ausreichend große Sakristei und die Kirche selber schob einen erheblichen Sanierungsstau vor sich her. Schließlich fehlte auch, wie an den meisten Bischofskirchen üblich, ein bei der Kirche liegender Friedhof für die verstorbenen Angehörigen des Domkapitels. Der zur Zeit amtierende Erzbischof Thissen war ein wesentlicher Initiator für die Renovierung und die Erweiterung des Mariendoms. Die Arbeiten begannen im Juli 2007 und waren im November 2008 abgeschlossen.

Grabplatte
Grabplatte für die Bischöfe in der rechten Apsis der Domkirche, Ansicht von oben. Entwurf und Ausführung Ricarda Wyrwol
Foto: Barbara Eismann

Beim Bau der neuen Sakristei wurde auch der Zugang zur Krypta mit der Bischofsgruft neu gestaltet. Sie sollte ersten Plänen zufolge direkt von der Domkirche aus über eine Treppe erreichbar sein, was im Laufe der Planungen jedoch wieder verworfen wurde. Die Gruft, die von den Umbauarbeiten nicht betroffen war, ist nunmehr von der Ostseite des Statio-ganges aus erreichbar. In der rechten Seitenapsis der Kirche wurde eine Grabplatte, gestaltet von der Hamburger Bildhauerin Ricarda Wyrwol, mit den Namen der in der Krypta ruhenden Bischöfe verlegt. Der Stein liegt nicht direkt auf dem Boden auf, sondern ruht auf einem Metallrahmen, der eine im Boden liegende Öffnung abdeckt. Ein offener, schmaler Randstreifen erlaubt eine akustische und optische Verbindung in die darunterliegende Krypta. Hierdurch wird eine Verbindung der Lebenden mit den Verstorbenen hergestellt.

Für das durch Nutzung von Fernwärme freigewordene Untergeschoss, dessen endgültige Nutzung bislang noch nicht feststeht, gibt es Überlegungen, dort ein Kolumbarium für Urnenbeisetzungen einzurichten. Damit könnten auch Gemeindemitglieder eine Grabstätte erhalten, womit die Tradition von Bestattungen in Kirchen neu belebt würde. Eine endgültige Entscheidung hierzu steht allerdings noch aus. Zur Zeit wird der Raum für temporäre Ausstellungen genutzt.

Der neu angelegte und zweigeteilte Friedhof für die Domherren befindet sich auf der Südseite der Kirche und ist zum einen Teil ganz vom Statiogang umschlossen und nur über diesen erreichbar. Der vordere Teil ist vom Domplatz her über ein eisernes Tor zu zugänglich. Die Anlage ist schlicht mit Rhododendren, Kiefern und Rosen bepflanzt. Für die Unterpflanzung wurden verschiedene Thymianarten und Lavendel gewählt. Einfache Wege, die mit einem graublauen Diabas abgestreut sind, sowie schlicht gestaltete Bänke aus Granit mit dunkler Holzauflage, betonen den ruhigen und meditativen Charakter des Friedhofes. Die Grablege bietet Platz für 17 Grabstätten und ist bislang noch unbelegt. Die Gräber sollen später mit einfachen, liegenden Grabplatten gekennzeichnet werden.

Domherrenfriedhof
Der Domherrenfriedhof vom Domplatz aus gesehen
Foto: Lange

Da Friedhöfe in den letzten Jahren eher entwidmet als neu angelegt wurden, ist der Domherrenfriedhof die erste Neuanlage dieser Art in St. Georg, nachdem die Friedhöfe der evangelischen Dreieinigkeitsgemeinde im Jahre 1905 im Zuge des Bahnhofsbaus eingeebnet worden sind. Mit der Planung waren entsprechende Genehmigungen bei der Umweltbehörde einzuholen. Diese wurden mit der Auflage erteilt, dass der Untergrund eine rasche Verwesung der Leichname gewährleistet. Bei dem anstehenden Boden wäre dies kaum möglich gewesen, weswegen das vorhandene Erdreich bis zu einer Tiefe von vier Metern ausgebaggert und durch Sand ersetzt wurde. Mittlerweile sind die Pflanzen auf dem Friedhof, dank regelmäßiger Pflege gut eingewachsen und die Anlage macht einen gepflegten Eindruck. Dies kann sich allerdings rasch ändern, sollte eines Tages eine Beisetzung vorgenommen werden müssen. Zu diesem Zweck müsste ein 1 mal 2 Meter großes und rund 1,70 m tiefes Grab ausgehoben werden, wobei auch ein Teil der Bepflanzung abgeräumt werden muss. Der Aushub selbst kann womöglich nur außerhalb des Friedhofes zwischengelagert werden, und nach erfolgter Beisetzung wird es einige Monate dauern, bis die Anlage wieder ein gepflegtes Gesamtbild abgeben wird. Letztlich wurden alle diese Umstände bei der Planung der Anlage berücksichtigt, weswegen sowohl das Erzbistum als auch der Planer diesem (hoffentlich noch fernem) Ereignis mit Gelassenheit entgegensehen.

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Neuzeitliche Gruftanlagen (November 2009).
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