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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Denkmalerhaltung im 19. Jahrhundert: Die Friedhofsmauer in Fischerhude

Wer heute das Künstlerdorf Fischerhude in der Nähe von Bremen besucht, kommt meistens, um das zum Museum umgebaute Wohnhaus des Malers Otto Modersohn zu besichtigen, der nachdem seine Frau, die Malerin Paula Modersohn-Becker im Kindbett gestorben war, 1908 nach Fischerhude übersiedelte, wo er ein Jahr später eine neue Ehe mit Louise Breling einging.

Man sollte dabei aber nicht achtlos an der kleinen Kirche des Ortes vorbeigehen. Ihr Kirchhof wird nämlich von einer Mauer umgeben, die zugleich ein kostbares historisches Erbe bewahrt und ausstellt: Zwischen niedrigem Backsteinmauerwerk sind hier nämlich barocke Grabsteine aufgestellt, deren Vorderseiten man von außen und deren Rückseiten man vom Kirchhof aus betrachten kann. Das besonders Ungewöhnliche daran ist, dass diese historischen Grabsteine schon im Jahr 1859 als Kirchhofsmauer angeordnet worden sind. Wie kam es dazu?

Die Bewohner von Fischerhude waren bis zum Jahr 1852 im benachbarten Wilstedt eingepfarrt. Sie besaßen zwar eine eigene kleine Kapelle – die möglicherweise noch aus dem Ende des 14. Jahrhunderts stammte, wobei allerdings nur ein Bau vom Ende des 16. Jahrhunderts sicher belegbar ist –, aber diese war nur "Filial" der Wilstedter Kirche und der Wilstedter Pastor kam nur selten herüber, um in Fischerhude Gottesdienst zu halten. So mussten die Fischerhuder sonntags nach Wilstedt fahren oder gehen und dorthin mussten sie auch ihre Toten bringen, wollten sie diese in geweihter Friedhofserde begraben. Es war ein langer und beschwerlicher Weg von Fischerhude nach Wilstedt, der an der Grenze von Geest und Moor entlang führte und bei schlechtem Wetter oft unpassierbar war. Dann waren keine Bestattungen im Nachbarort möglich und die Bauern mussten ihre Toten auf dem Dachboden aufbewahren.1

Friedhofsmauer
Die Friedhofsmauer von Fischerhude. Foto: Peter Schulze

Die Fischerhuder Kapelle wurde im Laufe der Zeit immer baufälliger, bis man sich schließlich 1841 zu einem Erweiterungsbau durchrang. Danach dauerte es dann noch einmal zehn Jahre, bis die Fischerhuder sich ganz von Wilstedt trennten und einen eigenen Pastor erhielten. Im Jahr 1859 lösten sie dann die letzte kirchliche Verbindung zu den Nachbarn, indem sie insgesamt 39 Grabsteine von ihren ehemaligen Grabstätten auf den Wilstedter Kirchhof nach Fischerhude überführten und mit diesen Stelen ihren neuen Kirchhof umfriedeten. An dieses Datum erinnert noch heute die Inschrift auf der Rückseite des Grabsteins für Peter Blancken (1654-1680), der ebenfalls in der Kirchhofsmauer zu finden ist. Dort steht zu lesen: "Nach Trennung der hiesigen Kirchengemeinde von der Mutterkirche zu Wilstedt 1859 wurden diese Grabsteine von dort her und die Kirchhofmauer angebaut."2

Zwei weitere historische Steine mit einem ungewöhnlichen Bildprogramm wurden besonders geschützt, indem man sie in der Kirche selbst aufstellte. An der Nordwand steht die Stele für Steffen Müller, den Müller des Ortes, der von 1686 bis 1729 lebte. Im Bogenfeld sieht man einen Obelisken, der von vier Kugeln getragen wird. Eine große Krone sitzt an ihrer Spitze, zu der ein nackter Mann emporklettert.

Steffen Müller
Bildmotiv auf der Stele für Steffen Müller. Foto: Barbara Leisner

Auf der Rückseite, die dem Besucher nicht sichtbar ist, befindet sich laut Beschreibung ein Sterbender auf dem Totenlager gestützt von sechs Kindern und von der Ehefrau begleitet sowie zwei Putten, wobei links ein Engel im antiken Gewand erscheint.3 Die Darstellung dieses Grabmals erinnert an barocke Embleme und kann vielleicht so gedeutet werden, dass der Verstorbene sich bemüht hat, die Krone, also das Höchste zu erreichen.4

Einfacher zu verstehen ist das Bild auf der gegenüber aufgestellten Stele für Johann Hinrich Müller (11.6.1789 – 12.11.1845) und seine Ehefrau Triene (14.3.1789 – 14.3.1836). Sie zeigt in ihrem einfachen geschwungenen Halbkreisbogen das Bild eines Chronos mit einer Sanduhr auf dem Kopf und der Sense in der Hand, der über die Ruinen einer Stadt fliegt. Darunter erinnert auch die Inschrift an das Thema des Bildes mit den Worten "Alles vergeht".5 Übrigens holten auch einige Familien aus anderen Dörfern, die ebenfalls in Wilstedt eingepfarrt waren, ihre alten Grabsteine "nach Hause". Das geschah allerdings erst im Jahr 1925, als auch sie einen eigenen Friedhof bekommen hatten und die Grabstellen in Wilstedt nach und nach aufgaben. Sie stellten ihre historischen Grabsteine auf dem eigenen Grund und Boden wieder auf.

Johann Müller
Bildmotiv auf der Stele für Johann Hinrich Müller. Foto: Barbara Leisner

Hingewiesen werden muss in diesem Zusammenhang, dass steinerne Grabsteine im 17. und 18. Jahrhundert im Land zwischen Elbe und Weser eine Besonderheit waren, die sich fast nur die Baumänner – so wurden die wohlhabenden Bauern genannt, die einen eigenen Hof besaßen – leisten konnten. Die Steine dafür kamen aus dem Weserbergland und wurden per Schiff nach Bremen gebracht, wo sie bearbeitet wurden. Der sehr feinsandige Stein aus den Bückebergen bei Obernkirchen eignet sich noch heute besonders gut für Bildhauerarbeiten. Die fertigen Grabmale wurden von Bremen auf der Wümme flussaufwärts geschifft und von Fischerhude aus mit Pferdegespannen auf dem sandigen Weg am Rande der Geest nach Wilstedt gebracht.

Dabei scheint es, als ob den meisten Grabmalen in der Kirchhofsmauer von Fischerhude ein ähnliches Vorbild zugrunde gelegen hat. So sind sie durchweg auf die gleiche Weise gegliedert: Auf einem niedrigen Sockel steht die aufrechte Stele, die mit einem unterschiedlich geschwungenen Abschluss bekrönt ist. Aus dem oberen Bogenfeld sind ein beziehungsweise mehrere – maximal vier – Puttenköpfe he-rausgearbeitet. Darunter befindet sich die Inschrift. Die Vorderseiten enthalten meist die wichtigen Angaben wie Namen und Daten mit genauer Angabe der Lebenszeit, die Rückseiten Bibelsprüche und andere auf das Leben der Begrabenen und ihrer Familien bezogene Texte, sowie religiöse Symbole und Darstellungen. Manchmal werden auch einzelne Lebensläufe beschrieben und die Kinder aufgezählt. Bei den Namen steht oft der Titel "Baumann", der die wohlhabenden Besitzer großer Höfe bezeichnete, aber auch Kätner bzw. Kötner werden genannt, die immerhin einen halben Hof bewirtschafteten. Auf den Vorderseiten der Fischerhuder Grabsteine sind vermutlich später die ortsüblichen alten Hofnamen wie Peters, Hinners, Buthmanns, Winkelmanns und die alten Hausnummern eingegraben. Zusätze wie "ehr- und achtbar" bzw. "ehr- und tugendsam" betonen die vorbildliche Lebensführung.

Allerdings gibt es auch einige Ausnahmen in den Darstellungen der vorderen Bogenfelder. So erscheint auf der wahrscheinlich ältesten Stele für Claus Winckelman, der von 1559 – 1631 lebte, ein Wappenmedaillon mit einer Knorpelweide in einem einfach geschwungenen Knickbogen.6 Insgesamt stammen sieben der erhaltenen Grabmale noch aus dem 17. Jahrhundert, dazu wurden insgesamt weitere 29 Grabmale aus dem 18. Jahrhundert inventarisiert. Dazu kommt noch eine Reihe von Grabmalen aus dem 19. Jahrhundert, die auf dem Kirchhof selbst zu finden sind, so dass Fischerhude heute über einen reichen Schatz historischer Grabmale verfügt.

Die Bürger des Ortes haben diesen Schatz gehütet. Aber auch die Grabsteine mussten leiden, als kurz vor Kriegsende im April 1945 zahlreiche Granaten in der Nähe der Kirche niedergingen. Zwar waren nach dem Krieg nicht sofort die Mittel vorhanden, die Grabmale fachgerecht zu erhalten, doch kam es wenigsten zu Ausbesserungen. Um 1970 dann wurde die Kirchhofsmauer mit erheblichem Aufwand restauriert und größere Abschnitte von Grund auf saniert. In diesem Zustand zeigt sich das sepulkrale Kleinod in Fischerhude noch heute und man wünscht, dass es weitere Jahrhunderte überdauern und das Andenken an Baumänner und Kätner bewahren möge.

1 Zu Wilstedt und der Wilstedter Kirchengemeinde siehe: Hans-Werner Behrens, Wilstedt. Kirchdorf an der Wörpe. Beiträge zur Geschichte. Landschaftsverband der ehemaligen Herzogtümer Bremen und Verden, Stade 2006, hier bes. S. 140-151.
2 Claudia bei der Wieden, Erinnerungszeichen. Historische Grabmale zwischen Elbe und Weser (1231 - 1900) Landschaftsverband der ehem. Herzogtümer Bremen und Verden, Stade 2005. Bd. 2, S. 284, Nr.: 1544.
3 Claudia bei der Wieden, Bd. 2, S. 298, Nr.: 1572
4 Embleme sind eine Kunstform, in der Sachverhalte mit Wort und Bild charakterisiert und zugleich verrätselt worden sind, wobei in den Emblembüchern neben der Devise und dem Bild meist eine mehr oder weniger lange Erklärung das Rätsel wieder auflöst. Ein unserer Grabmaldarstellung ähnliches Emblem, das sich auf Wladislav, König von Ungarn bezieht, findet sich unter http://mdz1.bib-bvb.de/~emblem/loadframe.html?toc_name=neuge_selsym.htm… . Dort ist der Obelisk mit Kranz bekrönt und wird von einem kleinen König mit Flügeln erklommen. Das dazu gehörige Motto heißt: Vel sic enitar (Wohl bemühe dich so) und der Kommentar besagt: Wie der geflügelte König an einer Ehrensäule, die einen Palmkranz auf der Spitze trägt, empor klettert, so erweitert der tugendhafte und edelmütige Fürst seine Herrschaft.
5 Claudia bei der Wieden, Bd. 2, S. 298
6 a.a.O. S. 293

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Musealisierung der Friedhöfe (Februar 2009).
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