Direkt zum Inhalt

OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Grußwort des Vorsitzenden Michael Karbenk zum Osterfest

Michael Karbenk spricht in seinem Grußwort von der "anderen Stadt", eine wohl treffende Bezeichnung auch für den Friedhof Ohlsdorf. Für die Stadt ist es wichtig, gebaute Denkmäler der einzelnen stilistischen Epochen zu erhalten.
Es hat Bedeutung für die Kultur und Bildung unserer Gesellschaft und somit auch für die Wertigkeit der Stadt.
Dies gilt auch für unseren Friedhof, die andere Stadt, sagt Karbenk.

Der Friedhof Ohlsdorf, die andere Stadt

Liebe Mitglieder und Freunde des Förderkreises Ohlsdorfer Friedhof e.V.,

baute die Corona-Pandemie Mauern um uns, so werden jetzt in der Ukraine Mauern zerbombt, Menschen getötet. Wir fühlen mit. Wir trauern mit den Hinterbliebenen um alle Opfer des schrecklichen Krieges. Nicht alle Opfer können würdig auf einem Friedhof bestattet werden, in einem eingefriedeten Raum für die Trauer. Der Friedhof ist ein geschützter Trauer-Raum.

Der französische Philosoph Michel Foucault schrieb dazu 1968: "Der Friedhof ist verglichen mit gewöhnlichen Kulturräumen sicherlich ein Ort; er ist ein Raum, der vor allem in Beziehung zu der Gesamtheit aller Plätze der Stadt, der Gemeinschaft oder des Dorfes steht ... In der Zeit, in der die Zivilisation, grob gesagt, "atheistisch" ́wurde, begann die abendländische Kultur gleichzeitig einen bestimmten Todeskult zu feiern...Jedenfalls gibt es seit dem 19.Jahrhundert für jeden das Recht auf seine kleine Verwesung...Die Friedhöfe stellen also nicht mehr den geheiligten und unsterblichen Bezirk der Stadt dar, sondern sind vielmehr "Die andere Stadt ́".
(aus: Des espaces autres, utopies et hétérotopies, in:L Architettura)

"Die andere Stadt", wohl treffende Bezeichnung auch für den Friedhof Ohlsdorf. Für die Stadt ist es wichtig, gebaute Denkmäler der einzelnen stilistischen Epochen zu erhalten. Es hat Bedeutung für die Kultur und Bildung unserer Gesellschaft und somit auch für die Wertigkeit der Stadt. Dies gilt auch für unseren Friedhof, die andere Stadt. Grabdenkmäler und Grabzeichen sind Ausdruck des Respektes und der Liebe für die, die von uns gegangen sind. Der französiche Autor Michel Houllebecq schreibt: "Der Mensch zeichnet sich durch sein Bewusstsein aus, ein einzigartiges, individuelles, unersetzbares Bewusstsein, und verdient damit ein Denkmal, eine Stele oder wenigstens eine Inschrift, jedenfalls irgendetwas, das für die zukünftigen Jahrhunderte ein Zeugnis seines Daseins ablegt."
(aus: La carte et le territoire)

Der Wiener Neurologe und Psychologe Prof. Dr. Dr. Michael Lehofer untersuchte die Depression des Menschen während der Trauerphase. Er stellte fest, ein Grab, ein Grabzeichen auf dem Friedhof, also in einem gesonderten Raum, mit seinen Besuchen und rituellen Handlungen, hilft die Depression durch Verarbeitung der Trauer abzubauen. Er stellte dieses auf dem Kongress für die Trauerbranche in Köln, der "Trauer Now" des Zukunftsforschers Matthias Horx, 2019 vor. Er schreibt dazu: "Wir dürfen den Menschen keinen Beisetzungsort aufzwingen, der für sie keine Funktion und damit keinen Nutzen hat. Wir müssen Ihnen einen Ort schenken, an dem Sie mit Ihrer Trauer so frei umgehen dürfen und können, wie es Ihnen guttut. Dazu müssen wir die Welt der Friedhöfe nicht völlig neu erfinden. Wir müssen aber achtsamer hinschauen, was dort gegenwärtig passiert und warum die Menschen so handeln, wie Sie handeln. Wenn wir das verstehen, gelingt es uns besser, das bereitzustellen, was es braucht, damit unserer Friedhofskultur den fließenden Übergang aus der Trauer heraus hin zum Gedenken an Verstorbene ermöglicht. Dann kann der Friedhof so wirkungsstark sein, dass er zu einem "Kraftort" wird, aus dem Menschen Energie ziehen können." (aus:"Raum für Trauer")

Der Ausdruck der Trauer in der Gestaltung des gebauten Grabzeichens verändert sich mit jeder Zeit; mal weniger, mal radikaler, aber auch manchmal gar nicht. Das Privileg des Ohlsdorfer Friedhofes ist es, anhand der noch vielen erhaltenen Beispiele dieses zu finden, zu erkennen und zu zeigen. Lassen wir diese vielen Beispiele stehen, auch in den neuen Bereichen des Friedhofsparkes, die als reine Parkbereiche ohne Friedhofsnutzung ausgewiesen sind. Nur sie machen diesen Ort, diesen Raum für Stille besonders, ja einzigartig. Der Ort, der Raum bleibt besonders. Er setzt sich von den anderen Plätzen und Parks der Stadt ab und wird nicht gewöhnlich und damit belanglos.

Denkmäler sind ökologisch unbedenklich. Grabsteine filtern das Regenwasser und auch unsere Gedanken.

Die Stadt ist dann lebendig, wenn Sie Charakter hat, kleinteilig ist, auch mal etwas ungeordnet. Auch der Ohlsdorfer Friedhof soll lebendig sein. Friedhof und Park miteinander, nicht nebeneinander, mit Grabzeichen aus vergangener und neuer Zeit. Friedhof und Park als besonderer einzigartiger Raum, ein Kraftort, unter allen Kultur-Plätzen der Stadt.

Der Förderkreis Ohlsdorfer Friedhof möchte konstruktiv, die Hamburger Friedhöfe und das Denkmalschutzamt hierbei unterstützen. Wir sind dafür mit den Hamburger Friedhöfen und dem Denkmalschutzamt initiativ ins Gespräch gekommen. Wir bleiben dran. Was hat der Förderkreis in seit der letzten Mitgliederversammlung erreichen können?

  • Die historischen Gebäude auf dem Friedhof Ohlsdorf werden in den nächsten Jahren renoviert und instandgesetzt. Wir könnten erreichen, dass unser Museum dabei ist und zeitlich vorgezogen behandelt wird, damit auch wir unsere Ausstellungim Museum erneuern können.
  • Wir planen eine Tagesexkursion im September, in alter Tradition. Wir werden dazu demnächst einladen. Wer Interesse hat - die Exkursion soll u.a. nach Arnis Schleswig-Holstein auf den dortigen Friedhof führen - möge uns bitte eine Nachricht senden ([email protected]).
  • Unsere Restaurierungsprojekte beginnen mit Verzögerung dieses Jahr. Wir werden über alles berichten.
  • Die Pandemie erlaubt es uns zurzeit nicht das Museum zu öffnen. Durch sie haben sich auch die Vorträge dieses Frühjahrs verschoben.

Ich danke Allen die uns unterstützen und ehrenamtlich für uns tätig sind.

Im Namen des Vorstands des Förderkreises wünsche ich ein friedliches Osterfest.
Ihr Michael Karbenk

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Der Bildhauer Heinrich Pohlmann (Juni 2022).
Erkunden Sie auch die Inhalte der bisherigen Themenhefte (1999-2022).