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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Beispiel gemeinnütziger Bestattungskultur: Das 1920 gegründete Großhamburger Bestattungsinstitut rV (GBI)

Neben Feuerbestattungskassen1 entstanden im frühen 20. Jahrhundert auch am Gemeinwohl orientierte Bestattungsvereine. Sie gingen hervor aus Kritik am privatwirtschaftlichen Bestattungswesen, die sich u.a. an unlauteren Werbepraktiken und unseriösen Geschäftspraktiken von Personen, die das Bestattungsgewerbe im Nebenberuf betrieben, z. B. Versicherungsvertretern, entzündet hatte. Dies zeigt das Beispiel von Hamburg, wo ein als pietätlos empfundener Konkurrenzkampf der Nebenerwerbler herrschte. Daher kam im Umfeld genossenschaftlich-gewerkschaftlicher Kreise und der Gründung der Konsumgenossenschaft "Produktion eGmbH"2 schon Jahre vor dem Ersten Weltkrieg die Idee einer gemeinnützig orientierten Organisation im Bestattungswesen auf, vertreten etwa durch Adolf von Elm, einem Pionier der Hamburger Genossenschaftsbewegung. Der Gewerkschafter und Sozialdemokrat von Elm - auch Mitbegründer der gemeinnützigen "Volksfürsorge" - verstarb jedoch 1915 3, und wegen der äußeren Umstände des Ersten Weltkriegs wurde die Idee einer Reform des Bestattungswesens zunächst nicht weiter verfolgt.

In den frühen Jahren der Weimarer Republik wurde das Projekt dann von Julius Müller, dem Geschäftsführer der "Produktion", in Zusammenarbeit mit dem Gewerkschafter und Sozialdemokraten Josef Urban wieder aufgegriffen. Letzterer schlug 1920 der "Produktion" vor, mit dieser sowie dem Ortsausschuss Hamburg des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) und der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) Hamburg einen gemeinnützigen Bestattungsbetrieb einzurichten.

Dies geschah unter dem Namen "Gemeinnütziger Bestattungsverein e.V." am 2. November 1920. Auch die anderen Gründungsmitglieder des neuen Bestattungsvereines kamen aus dem gewerkschaftlich-sozialdemokratischen Spektrum. Zu den bekanntesten unter ihnen zählte der Kaufmann und SPD-Politiker Max Mendel. Dieser war bereits an der Gründung der erwähnten Hamburger Konsumgenossenschaft Produktion beteiligt gewesen und langjähriges Mitglied in deren Aufsichtsrat und Vorstand. Von 1925 bis 1929 wirkte er als Senator im Hamburger Senat. Schon damals wegen seiner jüdischen Herkunft antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt, wurde Max Mendel unter der nationalsozialistischen Diktatur 1942 deportiert und im KZ Theresienstadt ermordet. 4



Zu den Leitsätzen des Gemeinnützigen Bestattungsvereines gehörte, dass jede Person - egal von welchem sozialen Rang - Anrecht auf einen angemessenen Sarg hatte. Eine Besonderheit des Hamburger Bestattungsvereines war in diesem Zusammenhang die Durchführung von so genannten Wohlfahrtsbestattungen, den heutigen Sozialbestattungen. Der Verein übernahm sie ohne Zuzahlung durch Hinterbliebene und sorgte dafür, dass sie sich von normalen Bestattungen in der Ausführung nicht unterschieden.

Da der Verein nicht gewinnorientiert arbeitete, konnten die Einnahmen für den nun rasch folgenden inneren Ausbau verwendet werden. Bereits in der ersten Hälfte der 1920er Jahre bestand die Kundschaft nicht mehr allein aus Arbeitern, sondern auch aus Angestellten, Beamten und weiteren Bevölkerungskreisen.

In vielen Betrieben und Organisationen entstanden damals sogenannte Notgemeinschaften, die sich gegenseitig gegen einen geringen Beitrag auch für Bestattungen absicherten. Mit ihnen arbeitete der Gemeinnützige Bestattungsverein zusammen. Da aber nur ein kleiner Teil der Arbeiterschaft von diesen Notgemeinschaften berührt wurde, kam es beim Gemeinnützigen Bestattungsverein zur Gründung einer eigenen Solidargemeinschaft, um die Bestattung preiswert gestalten und sichern zu können: der Begräbniskasse von 1924.

Von Beginn an befehdeten Teile der privatwirtschaftlichen Konkurrenz den Gemeinnützigen Bestattungsverein. Zu den Mitteln gehörten Boykottdrohungen von Musikern, Gärtnern oder Fuhrleuten sowie Beschwerden wegen unlauteren Wettbewerbs. Ende der 1920er Jahre wurde auf gerichtlichem Wege versucht, dem Verein die Gemeinnützigkeit entziehen zu lassen (die ihm das Zahlen von Steuern ersparte). Dieses Vorgehen hatte zunächst auch Erfolg, denn durch ein reichsgerichtliches Urteil wurde für den Verein, der einen Teil seiner Einnahmen im Übrigen wohltätigen Einrichtungen spendete (u.a. Kindererholungsheimen), die Gemeinnützigkeit aufgehoben.

Aufgrund dieses juristischen Verfahrens wurde der Bestattungsverein am 24. Juni 1929 in "Großhamburgischer Bestattungsverein e.V." umbenannt, der Begriff "gemeinnützig" im Namen entfiel also. Zugleich taucht hier erstmals der Begriff des "Großhamburgischen" auf und der Anspruch, auch über die Hamburger Stadtgrenzen hinaus, vor allem in den damals noch preußischen Städten Altona, Harburg und Wandsbek, tätig zu werden. Aber die juristischen Auseinandersetzungen gingen weiter: Ende 1929 wurde beim Amtsgericht Hamburg der Antrag gestellt, den Verein aus dem Vereinsregister zu streichen. Der Verein reagierte, indem er eine Umwandlung der eigenen Rechtsform und Verleihung der Rechtsfähigkeit beantragte. Am 27. Januar 1930 wurde der nunmehrige "Großhamburgische Bestattungsverein r.V." als sogenannter rechtsfähiger Verein ("r.V.") durch die Landesjustizverwaltung Hamburg anerkannt.


GBI-Centrale 1933

Empfangsraum GBI, 1933

Buchhaltung GBI 1933

Auch in anderen nordddeutschen Städten entstanden in der Folge vergleichbare gemeinnützige Unternehmen, so in Kiel, Lübeck und Bremen. In Bremen beispielsweise wurde 1923 das "Gemeinnützige Bestattungsinstitut Bremen und Umgegend" (GE-BE-IN) aus Kreisen des dortigen Ortsausschusses des ADGB gegründet.5

Das vorübergehende Ende des Vereins und der Begräbniskasse nahte mit den Anfängen der nationalsozialistischen Diktatur. Anfeindungen gegenüber Gewerkschaften, Sozialdemokratie und jüdischen Personen hatte es schon lange vor 1933 gegeben. Mit Beginn der nationalsozialistischen Diktatur verschärfte sich auch die allgemeine Situation für den Verein und die Begräbniskasse. Am 2. Mai 1933 besetzten bewaffnete SA- und SS-Männer das Hamburger Gewerkschaftshaus des ADGB am Besenbinderhof. Gewerkschaftsmitglieder wurden verhaftet. Sogenannte Kommissare aus Reihen der Nationalsozialisten übernahmen die ebenfalls am Besenbinderhof angesiedelte Begräbniskasse von 1924.

Der Verein und die Grabmal-Gesellschaft konnten sich zunächst noch vor dem Zugriff der Nationalsozialisten retten. Dies konnte nur noch durch jene Mitglieder geschehen, die von Verfolgung und Inhaftierung verschont blieben. Um den Nationalsozialisten vorerst die Möglichkeit zu nehmen, auf das Vereinsvermögen zuzugreifen, wurde der Verein am 27. April 1933 in eine GmbH umgewandelt ("Großhamburgische Bestattungsgesellschaft mbH"), mit Eintrag ins Handelsregister des Amtsgerichtes Hamburg vom 4. Mai 1933 (erloschen am 7. Oktober 1952). Auch die Grabmal-Gesellschaft wurde zur Personengesellschaft.


GBI-Wartebereich und Ausstellungsraum

GBI, u.a. mit ersten Angestellten

Aber es nützte alles nichts, der sozialde-mokratisch-gewerkschaftliche Hintergrund war dem NS-Regime von Anfang an ein Dorn im Auge gewesen. Die Unternehmen wurden 1936 von den Nationalsozialisten übernommen, die Gesellschaftsanteile mussten an Beauftragte der Deutschen Arbeitsfront (DAF) übertragen werden. Ein Teil der Gesellschafter und Mitarbeiter wurde - teils für längere Zeit - inhaftiert. 1943 wurde das Geschäftsgebäude bei Bombenangriffen zerstört. Die Begräbniskasse ging Ende 1944 in einer anderen Versicherung auf.

Bereits wenige Wochen nach der Zerschlagung der NS-Diktatur und dem Ende des Zweiten Weltkriegs konnten Josef Urban und andere Mitstreiter in den harten, entbehrungsreichen Jahren der Nachkriegszeit das Bestattungs- und Grabmalgeschäft neu aufbauen. Die durch die nationalsozialistische Deutschen Arbeitsfront (DAF) angeeignete Begräbniskasse wurde - da sich eine Rückübertrag als nicht machbar erwies - ebenso neu begründet wie der Verein. Dies geschah im Umfeld der sich gleichfalls neu zusammenfindenden Sozialdemokratie und Gewerkschaftsbewegung. Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der am 27. April 1946 ins Leben gerufenen "Neuen Begräb-niskasse" wurde der Versicherungsmathematiker Wilhelm Mötting. Als ehrenamtliche Vorstandsmitglieder amtierten die bereits aus der Weimarer Zeit bekannten Josef Urban und Julius Müller. Am 22. Mai 1946 erhielt die Neue Begräbniskasse die offizielle Erlaubnis, den Geschäftsbetrieb aufzunehmen.

Der gemeinnützige Bestattungsverein wurde im Folgejahr wiederbelebt. Zu diesem Zweck kamen insgesamt 20 Treuhänder der Gewerkschaften und Vertreter der alten Großhamburgischen Bestattungs-Gesellschaft m.b.H. am 19. März 1947 zusammen. Darunter waren - neben Josef Urban und Julius Müller - weitere bekannte Namen, wie Max Behrens, Heinrich Strübig und Franz Valentiner. Die Personengesellschaft wurde aufgelöst, das Bestattungsgeschäft ging wieder auf den Verein über. Die Grabmal-Gesellschaft blieb zunächst ebenso selbstständig wie der Verein für Alters- und Hinterbliebenen-Fürsorge.

Mit Wirkung vom 1. Oktober 1949 wurde dem Verein vom Rechtsamt des Hamburger Senates die Rechtsfähigkeit verliehen. Damit bestand nun auch formell wieder der alte Großhamburgische Bestattungsverein r.V.. Diese Rechtsform ist bis heute bestehen geblieben, wenn sich auch Name und innere Strukturen gewandelt haben. Ethisch vertritt auch der neue Verein dieselben gemeinnützigen Grundsätze wie in der Zeit der Weimarer Republik.

Anmerkungen

1Siehe dazu den Beitrag von Verf. in diesem Heft über "Arbeiterbewegung und gemeinnützige Bestattungskultur im 20. Jahrhundert"
2 Zur Geschichte von Konsumvereinen und -genossenschaften vgl. Michael Prinz, Brot
und Dividende: Konsumvereine in Deutschland und England vor 1914, Göttingen 1996; siehe auch Burchard Bösche/Jan-Frederik Korf, Chronik der deutschen Konsumgenossenschaften. 150 Jahre Konsumgenossenschaften in Deutschland. 100 Jahre Zentralverband deutscher Konsumgenossenschaften e. V., Hamburg 2003; Walther G. Oschi-lewski, Wille und Tat. Der Weg der deutschen Konsumgenossenschaftsbewegung, Hamburg 1953
3 Franz Spliedt, Elm, Adolph von, in: Neue Deutsche Biographie, Band 4, Berlin 1959, S. 460-61.
4 Ulrich Bauche, Der Genossenschaftskaufmann Max Mendel (1872-1942), in: "Miteinander geht es besser". Beiträge zur 1. Tagung zur Genossenschaftsgeschichte am 3. und 4. November 2006 im Warburg-Haus in Hamburg, Herausgegeben von der Heinrich-Kaufmann-Stiftung des Zentralverbandes deutscher Konsumgenossenschaften e.V., Norderstedt 2011, S. 86-97.
5 Vgl. zur Geschichte die Jubiläumsschrift der Organisation: GE-BE-IN: ihr Partner in Trauerangelegenheiten 1923-1998, Bremen 1998.

Anmerkung der Redaktion: Der Text basiert auf folgendem, vom Verf. veröffentlichten Werk: "100 Jahre Großhamburger Bestattungsinstitut rV (GBI) 1920-2020, Hamburg 2021 (siehe auch unter "Neue Bücher"). Er wurde für die hier veröffentlichte Zusammenfassung mit Fußnoten und bibliografischen Nachweisen versehen.

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Gemeinnützige Bestattungskultur (März 2022).
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