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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Die Friedhofsordnung des "Hauptfriedhofs" von Samarkand in Usbekistan: Bedenkenswert...

Nordöstlich vom heutigen Zentrum von Samarkand, mit Buchara zusammen in Usbekistan die wichtigsten Orte der alten "Seidenstraße", liegt auf einem trockenen hügeligen Gelände ein Friedhof. Der hat sich wohl seit dem 10. Jahrhundert um einen Ort entwickelt, wo nach der Überlieferung, ein enger Vertrauter Mohammed im 7. Jahrhundert bestattet worden ist. Timur, in unserer Überlieferung Tamerlan oder "Timur der Lahme" genannt, hat ab 1370 von Samarkand aus mit rücksichtslosen Kriegszügen ein Großreich geschaffen - er und seine Nachfolger machten Samarkand zu einem Ort hoher islamischer Bildung.

Prächtige Medresen (Koranschulen) wurden gebaut, ein Enkel, Uluk'bek, 1394-1449, war als Astronom auch in Europa hoch anerkannt. Timurs prächtiges Mausoleum steht im Zentrum Samarkands, eine Reihe von Mausoleen für Familienmitglieder, auch für einige seiner 18 Frauen und für hohe Würdenträger bilden eine Nekropole außerhalb der Stadt an einer Straße, die zu dem Grab des Gefährten Mohammeds führte. Um dies heute für das Eintrittsgeld eingezäunte Gelände entwickelte sich ein Friedhof für normale Menschen. Heute ist Timur ein hochgeehrter Stammvater Usbekistans, selbst wenn die Usbeken, ein Turkvolk, erst ab ca. 1450 in die Region einwanderten und dort ein eigenes Reich gründeten.


1 Das prächtige Eingangstor

2 Straße der Mausoleen

3 Straße der Mausoleen (14./15. Jahrh.)

In den 1860er Jahren eroberte das zaristische Russland Usbekistan und führten die kyrillische Schrift ein, nach 1918 wurde das Land zu einer sozialistischen Republik; und mit dem Zerfall der Sowjetunion 1991, selbständig unter Islom Karimow - dem letzten KP-Parteichef, der bis zu seinem Tod 2016 eine national-autoritäres Regime einrichtete.


4 Blick vom neuen Teil des Friedhofs auf die alten Mausoleen

Langsam ersetzt die lateinische Schrift die russische; das sieht man auf dem Friedhof, wo von dem für den strengen Islam typischen Bilderverbot nicht viel zu merken ist - Porträts auf schwarzem polierten Stein sind für aufwendigere Grabmale, oft der alten sozialistischen Nomenklatura, die Regel. Auch die neueren schmalen weißen Stelen tragen oft Bilder der Verstorbenen (Abb. 5-7).




5-7 Neuzeitliche Gräber: sowjetisch, muslimisch oder schlicht "modern" geprägt.

Für Europäer beachtlich die Friedhofsordnung - sie wird am Haupteingang auf drei blank geputzten Messingtafeln auf Usbekisch mit lateinischen Buchstaben, auf Russisch und auf Englisch mitgeteilt (siehe die deutsche Übersetzung). Dieser Text mit seinen Elementen aus muslimischer Tradition, vernünftigen Regeln und von der Zeit überrolltem Fotografieren-Verbot zeigt die Etappen kulturellen Wandels. Aber: Ganz in der Nähe hat Islom Karimow sein für die Ewigkeit geweihtes Mausoleum errichten lassen, der Vergleich mit Timur darf/soll sich aufdrängen - bei beiden wird das Fotografieren-Verbot überwacht, bei Timur nur sehr lässig....

Friedhofsordnung

Liebe Besucher!
Wir bitten Sie freundlich, die Verhaltensregeln zu befolgen, wenn Sie heilige Stätten und Friedhöfe besuchen.

1. Jeder Besucher sollte geistlich und körperlich (durch rituelle Waschung) vorbereitet sein, seinen Besuch Allah widmen, eine Zeitlang frei von Alltagssorgen sein und an das denken, was künftig sein wird.
2. Bei einer Pilgerfahrt zu einer heiligen Stätte bringen Sie Grüße und Erinnerungen an die Verstorbenen, indem Sie Suren aus dem Koran lesen.
3. Männer und Frauen sollten einen heiligen Ort getrennt betreten und dabei die richtige Ordnung beachten und sich hintereinander anstellen, die Erinnerung an die heiligen Menschen respektieren und einfach gekleidet sein.
4. Es ist verboten, die Grabsteine zu küssen, sich vor den Steinen zu verneigen, mit brennenden Kerzen umherzugehen. Bitte knüpfen Sie keine Bänder in Bäume, schreiben Sie keine Worte an die Wände.
5. Es ist verboten, Fotos direkt an den Grabsteinen zu machen, auf ihnen zu sitzen oder auf sie zu steigen, sprechen Sie bitte nicht zu laut, machen Sie bitte keinen Lärm, benehmen Sie sich bitte nicht schlecht.
6. Bitte halten Sie den heiligen Ort sauber. Es ist verboten, zu kochen oder zu essen, Musik zu hören, zu ruhen, zu schlafen, zu rauchen oder Alkohol zu trinken.
7. Die heiligen Menschen und die Verstorbenen waren Allahs Diener. Es ist eine Sünde, die Verstorbenen um Hilfe zu bitten oder auf den Gräbern Tiere zu opfern. Opfer gibt es nur für Allah und es gibt seine Belohnung für die Toten.
8. Bitte legen Sie kein Geld auf die Gräber. Stecken Sie aber Geld in die Spendendosen.
9. Bitte verlassen Sie den heiligen Ort ruhig und ohne Lärm, steigen Sie nicht über Steine.
10. Heilige Orte und Mausoleen sind Edelsteine des Heimatlandes, wie auch Meisterwerke der nationalen Spiritualität, Kultur und Werte. Es ist die Ehrenpflicht eines jeden Bürgers, sie zu bewahren und sie mit großer Sorgfalt künftigen Generationen weiterzugeben.
Möge Ihr Besuch Allah gefallen, so dass Ihre Wünsche wahr werden können.
[Übersetzung R. Behrens]

Fotos: Reinhard Behrens

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Tag des Todes (November 2021).
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