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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Allerseelen - Geschichte und Brauchtum

Das Gedenken an die Toten ist Teil der kulturellen Entwicklung der Menschheit und findet sich anscheinend in allen Kulturen. Die Christenheit kannte schon im alten Rom Festtage, an denen ausdrücklich aller jener Toten gedacht wurde, die man als Heilige und Märtyrer verehrte. In Irland wurde diese Gedenkzeit zum Ende des 8. Jahrhunderts auf den Novemberanfang gelegt, der als Beginn des keltischen Jahres gilt und zugleich den Winteranfang markiert.

Der schottische Anthropologe Sir James Frazer bezeichnet Allerseelen als altes heidnisches Totenfest, das sich unter einem dünnen christlichen Mantel verbirg.1 Es ging dabei um den Übergang von Sommer zum Winter, zu dem der Glaube gehörte, dass sich in dieser Zeit die Welt der Toten und der Lebenden für eine Nacht überschneiden. So können die Seelen in dieser kurzen Zeit nach Hause zurückkehren. Um sie zu geleiten, wurden große Feuer angezündet und sie wurden zu Hause willkommen geheißen und bewirtet. Da die toten Angehörigen in die Welt der Lebenden hineinwirken konnten, sollten sie auch wohlwollend gestimmt und besänftigt werden. Die verschwimmende Grenze zwischen Diesseits und Jenseits wurde ebenso für Wahrsagerei genutzt.

Irische Missionare verbreiteten das Novemberdatum im Westen Europas. 835 legte Papst Gregor IV. Allerheiligen für die gesamte Westkirche auf den 1. November fest. Parallel dazu wird seit dem Mittelalter am folgenden Tag der Gedenktag für alle anderen Seelen abgehalten. Eingeführt wurde er durch ein Statut des Abtes Odilo in dem Benediktinerkloster Cluny. In der Literatur wird es nach 1024 datiert. Von dort aus verbreitete sich das Fest. In Rom kam es anscheinend erst im 14. Jahrhundert an.2 Den christlichen Hintergrund bildeten die Vorstellungen vom Fegefeuer als Ort, an dem die Seelen auf das Jüngste Gericht warten. Die Lebenden können ihnen durch Gebete und gute Werke ihre Qualen erleichtern bzw. ihre Leidenszeit verkürzen; ein Glauben, mit dem die Reformation gründlich aufräumte; mit der Folge, dass in der evangelischen Kirche zwar auch im November der Toten gedacht wird, der ehemalige Toten- und heutige Ewigkeitssonntag aber vom Novemberanfang an das Ende des Monats verlegt wurde. An diesem Tag waren in evangelischen Ländern der Grabbesuch und die Schmückung der Gräber üblich bzw. sind es - in deutlich geringerem Maße vor fünfzig Jahren - auch heute noch.

Dagegen wird das katholische Doppelfest für die Heiligen und alle anderen Seelen im europäischen Christentum weiterhin mit feierlichen Gottesdiensten und der Segnung der Gräber begangen. Dazu werden die Friedhöfe und Grabstätten gereinigt und geschmückt. Abends werden auf ihnen Lichter angezündet, so dass katholische Friedhöfe zu Allerseelen oft ein Lichtermeer bilden. Diese sogenannten Seelenlichte werden heute als Symbol für das Ewige Licht interpretiert, das den Verstorbenen leuchtet. Blumen und grüne Zweige sollen stellvertretend für die Hoffnung stehen.


1 Beleuchtete Grabstätten auf dem St. Barbara Friedhof in Linz

Eine besondere Tradition findet sich dabei auf den Friedhöfen in Mainz. Dort wird der sogenannte Newweling entzündet. Diese Kerze besteht aus einem Kegel, der aus spiralförmig gedrehten und mit Kerzenwachs überzogenen Dochten geformt ist. Das Wachs dieser Stränge ist traditionell in den Farben Rot, Weiß, Blau, Gelb und Grün eingefärbt, so dass sich ein charakteristisches, buntes Erscheinungsbild ergibt. An Allerseelen und Allerheiligen führt man diese Kerze bei Prozessionen mit und stellt sie auf den Gräbern auf. Vor dem Anzünden werden die Stränge auf- und um einen Stock gewickelt, den man auf dem Grab in die Erde steckt.


2 Marianne von Werefkin, Allerseelen, um 1930

Im 19. Jahrhundert und noch bis in die 1960er Jahre war der Besuch der Gräber zu Allerheiligen und Allerseelen so verbreitet war, dass z.B. in Wien vom Magistrat eine spezielle Verkehrsregelung für die Pferdewagen und Fußgänger verfügt wurde.3 Übrigens waren - zwar nicht an Allerseelen, sondern am Totensonntag - früher auch auf dem Ohlsdorfer Friedhof Menschenmassen unterwegs um die Gräber ihrer Angehörigen zu schmücken. Auch hier waren spezielle Zufahrtsregelungen üblich und bis in die 1970er Jahre standen in dieser Zeit auf der Friedhofsseite der Fuhlsbüttler Straße die Verkaufsstände der Blumenhändler eng nebeneinander.

Im Brauchtum und im Volksglauben blieben - besonders in den katholischen Gegenden - vorchristliche Vorstellungen lange erhalten; in einigen Gegenden Europas wirken sie noch heute nach. Darüber gibt unter anderem das Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens4 Auskunft, in dem im 19. Jahrhundert Informationen über das Volksbrauchtum gesammelt worden sind. So glaubte man zum Beispiel man in der Oberpfalz, dass sich die Seelen das ganze Jahr auf diese Zeit freuen. Sie haben vom Mittagsläuten am Allerheiligentage an Freiheit, das Fegefeuer zu verlassen und ihre alten Wohnungen wieder aufzusuchen. Am nächsten Morgen "beim ersten Läuten müssen sie wieder von dannen". Die Gräber werden für ihren Besuch geschmückt und um ihre Qualen im Fegefeuer zu lindern, wird der Ort ihrer Totenruhe mit Weihwasser besprengt, Speisen werden darauf gestellt.


3 Franz Skarbina, Allerseelentag (Hedwigskirchhof), 1896

Für die Kerzen oder Lämpchen auf den Gräbern gibt es verschiedene Interpretationen: Sie sollen die Seelen anlocken und ihnen den Weg zum Ruheplatz ihres Körpers weisen. Es gibt aber auch die Vorstellung, dass sie böse Geister vertreiben können.

Die Toten kamen auch in die Häuser. In manchen Gegenden wurden ihnen Speise und Trank (Milch, Wasser, Brosamen) nicht auf das Grab, sondern zuhause auf dem Tisch gestellt oder abends dort stehen gelassen. Anderswo betete man vor brennenden Lichtern für ihre Ruhe und glaubte per Analogieschluss, dass das Licht ihnen zum ewigen Lichte verhülfe. In östlichen Gegenden gehörte zur Bewirtung der Seelen auch ein Bad, bzw. der Besuch der Sauna. Bei den Esten wurden die Seelen der Verwandten in der Badestube bewirtet und danach vom Hausvater ersucht, das Haus wieder zu verlassen. Auch die alte Vorstellung, dass die Nacht von Allerheiligen auf Allerseelen besonders geeignet sei, die Zukunft vorherzusehen, blieb verbreitet.

Die christliche Kirche übernahm viel von dem jeweils üblichen Brauchtum. Lichter für die armen Seelen wurden im Allerseelengottesdienst angezündet und Speisen und/oder Gebäck auf den Altar gestellt. Denn man glaubte, dass die Seelen in dieser Zeit überall zugegen waren und mit den Lebenden in der Prozession um den Altar und die Kirche herum wandelten und/oder auf der Totenbahre sitzen konnten. Solche historischen Bahren gehören übrigens noch heute zum Inventar mancher Kirchen.


4 Totenbahre in der Kristkirche, Tondern

Um den Armen Seelen im Fegefeuer Erleichterung zu verschaffen, entstand der Brauch auf dem Friedhof oder direkt am Grab die Armen zu speisen und mit Spenden zu bedenken. Aus Basel sind zum Beispiel Stiftungen aus dem 15. Jahrhundert. "pro panibus super sepulchro ipso ponendis et postea pauperibus erogandis"5bekannt. In vielen Gegenden wurde und wird zu diesem Tag ein spezielles Gebäck hergestellt. So gibt es z.B. im süddeutschen Sprachraum noch heute den Allerheiligenstriezel (auch Strietzel, Allerseelenzopf, Seelenspitz, Seelenbrot, Seelenwecken oder Allerseelenbreze genannt): ein in Zopfform geflochtenes Hefegebäck, das die Tauf- oder Firmpaten früher an ihre Patenkinder verschenkten. Sein Ursprung wird darin vermutet, dass sich im antiken Totenkult die Trauernden die Haare abschnitten und sie als Opfergabe in das Grab legten.


5 Allerseelengebäck in verschiedenen Formen

Aus der Gegend von Berchtesgaden und Tirol berichtet Max Höfer, der am Anfang des 20. Jahrhunderts zu diesem Thema forschte, dass am Allerseelentage Kinder dort scharenweise von Haus zu Haus zogen und mit dem Rufe: "Bitt gar schön ums Stuck!" das sogenannte Seelen-Stuck erbettelten; ein dunkles Brotstück, das üblicherweise an die Teilnehmer von Sterbejahrtagen ausgeteilt wurde.6

Die Feier des Allerseelenfestes hat im Laufe der Zeit viele unterschiedliche Formen angenommen, die einander immer wieder wechselseitig beeinflusst haben und noch heute beeinflussen. Das lässt sich an der Übernahme des Brauchtums zu Halloween erkennen, wenn seit einigen Jahrzehnten auch hierzulande Kinderscharen von Haustür zu Haustür ziehen, um Süßigkeiten zu erbetteln; ein Brauchtum, das einst in Europa zuhause war und dann mit der Emigration der Iren nach Amerika auswanderte, von wo es wieder zu uns zurückgekommen ist.

Interessant wäre es dem nachzugehen, ob nicht auch andere - für uns heute eher exotische - Sitten, wie zum Beispiel die Calaveras aus Zucker, die zur Feier des Totentages in Mexiko hergestellt werden, ebenfalls europäische Wurzeln haben. Immerhin steht bei dem schon zitierten Autor Max Höfler zu lesen, dass der Allerseelentag in Italien mit Essen und Trinken zu Ehren der Toten verbracht wird, "während Totenköpfe und Gerippe in Zucker oder Teigmasse entsprechende Kinderspielzeuge bilden".7

Anmerkungen
1 "The Feast of All Souls at the beginning of November, which under a thin Christian cloak conceals an ancient pagan festival of the dead" vgl. James George Frazer, The Golden Bough: A Study in Magic and Religion, 1922, Kapitel 6.6. The Hallowe'en Fires https://en.wikisource.org/wiki/The_Golden_Bough
2 RI III,5,1 n. †16, in: Regesta Imperii Online, URI: http://www.regesta-imperii.de/id/1024-00-00_15_0_3_5_1_16_D16 (Abgerufen am 04.10.2021)
3 Offizielle Mitteilungen des k.k. Oesterreichischen Automobil-Club Nr. 44, Bd. II, Wien 4. Novmeber 1917 https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=aaz&datum=19171104&seite=1&… (zuletzt abgeru-fen 6.10.2021)
4 Hier und im Folgenden siehe: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Bd. 1, Stichwort Allerseelen, S. 267, digitalisiert unter https://dlibra.bibliotekaelblaska.pl/dlibra/publication/47314/edition/3… p178.djvu
5 "damit Brote auf das Grab gelegt und anschließend für die Armen ausgegeben werden", vgl. Max Höfler, Die Gebildbrote zur Allerseelenzeit, in: Zeitschrift für Österreichische Volkskunde, XIII. Jg., Wien 1907, S. 65-96, hier S. 70
6 S.o. Höfler, a.a.O., S. 78
7 Höfler, a.a.0., S. 86

Fotos: 1 St. Barbara Friedhof; 2 - the-athenaeum.org, gemeinfrei; 3 © Nationalgalerie der Staatlichen Mu-seen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz (Andres Kilger); 4 B. Leisner; 5 Höfler, Allerseelengebäcke, S. 107

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