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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Begleitung auf dem letzten Weg: Ein Gespräch mit Pastor Wessel

Im Dezember 2007 hat Frank-Michael Wessel (56), Pastor der Eirene-Gemeinde in Hamburg-Langenhorn, sein 20-jähriges Dienstjubiläum gefeiert.

Überwältigend war die Anzahl der Gratulanten, unter ihnen auch Claus-Dieter Wulf, Repräsentant verschiedener Bestatterverbände und selbst Inhaber des Bestattungsinstitutes Kröger-Fuhlsbüttel. In einer bewegenden Ansprache würdigte Claus-Dieter Wulf Pastor Wessel als jemanden, auf dessen Dienst man immer zählen könne. Es ist mit Sicherheit auch die mit den Jahren gewachsene gute Kooperation zwischen den beiden, Trauerfeiern betreffend, die diese Freundschaft hat wachsen lassen. Unzählige Trauerfeiern hat Wessel geleitet. Jede Woche mindestens eine. Aus tiefem Bedürfnis und Nächstenliebe. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen, die Beerdigungen eher als Last denn als Bereicherung empfinden, ist für Pastor Wessel das Hinüberleiten Verstorbener durch das Wort und der Kontakt mit Trauernden eine der wesentlichen Aufgaben seiner Arbeit. Warum dem so ist und so einiges andere hat er in einem Interview anvertraut.

Pastor Wessel
Frank-Michael Wessel, Gemeindepastor der evangelisch-lutherischen Eirene-Gemeinde Langenhorn. Foto: Steckel

Für einen Gemeindepastor halten Sie auffallend viele Trauerfeiern ab. Warum?

Das ist richtig. Das rührt zum einen daher, dass meine Gemeinde in Langenhorn-Süd in unmittelbarer Nähe zum großen Ohlsdorfer Friedhof liegt und es sich über die Jahre so ergeben hat, dass ich auch den Friedhofspastor über viele Jahre unterstützt habe und unterstütze. Zum andern bin ich seit 20 Jahren in Eirene Gemeindepastor, so dass über diese lange Zeit auch viele Beziehungen gewachsen sind. Ja, und manchmal sprechen Familien dem Bestatter gegenüber eben auch den Wunsch aus, dass sie unabhängig von ihrer Gemeindezugehörigkeit, einen bestimmten Pastor für diesen letzten Weg als Begleitung haben möchten. Außerdem ist für mich die Kirchenzugehörigkeit der Verstorbenen nicht Voraussetzung für meinen seelsorgerlichen Dienst.

Welche Art der Bestattung sagt Ihnen ganz persönlich eher zu, die Erd- oder die Feuerbestattung? Welche Bestattungsform ist die häufiger gewählte?

Beide Bestattungsformen haben ihre Würde und ihr Recht. Menschen haben da ganz unterschiedliche Wünsche. Oftmals ist die Entscheidung bedingt durch die Form der Familiengrabstätte, die zum Beispiel keine Erdbeisetzung mehr zulässt, sondern auf dem besonderen Grab nur noch eine Urnenbeisetzung möglich ist. Beide Formen stehen für mich vollgültig nebeneinander.

Wie stehen Sie zu anonymen Bestattungen?

In der Tat haben die anonymen Beisetzungen in den vergangenen Jahren beträchtlich zugenommen. Ich persönlich bin ein entschiedener Gegner der anonymen Begräbnisse, hat doch jeder Mensch sich im Laufe seines Lebens einen Namen gemacht und ist er oder sie unverwechselbar, so dass auch über den Tod hinaus er oder sie ihren Namen behält. Und unserer aller Namen sind im Himmel angeschrieben, und Gott hat uns bei unserem Namen gerufen, wir sind sein. Gründe für die Entscheidung „anonym“ liegen oft in der mangelnden Aufklärung. Gerade die Generation der Menschen, die in den zwanziger Jahren und ein wenig später geboren sind, möchten den Kindern nicht zur Last fallen, indem diese dann Grabpflege vornehmen müssten. Sie möchten oft auch keinen hohen finanziellen Aufwand und meinen, die anonyme Beisetzung sei eben kostengünstig. Und wenn eine Bewohnerin in einem Mietshaus sich so entschieden hat und mit der Nachbarin darüber spricht, dann entscheidet sich diese eben auch so.

Aufklärung ist hier wichtig. Denn eine Beisetzung auf einer Einzelurnengrabstätte zum Beispiel kostet vielleicht etwa 150 Euro mehr als eine rein anonyme Beisetzung. Das wissen die Angehörigen oft nicht. Sie wissen auch nicht, dass Umbettungen später einmal nicht mehr möglich sind. Und wenn sie zum Bestatter mit einer festen Vorstellung kommen, dann ist es für ihn oftmals auch sehr schwer, Angehörige davon abzubringen, vermutet man doch bei ihm oftmals kaufmännische Argumente – was aber nicht immer der Fall sein muss.

Also gerade hier sind wir als Kirche aufgerufen, zu informieren. Am besten in unseren Gemeinden durch Informationsveranstaltungen oder aber, wenn es dann zum Gespräch vor einer Trauerfeier kommt, durch Hinhören und Erspüren, aus welchen Gründen "anonym" gewählt worden ist. Ich kann für meinen Dienst sagen, dass ich doch eine ganze Anzahl von Familien von einer anonymen Beisetzung habe abbringen können, die im nachhinein nun auch einen Erinnerungsort auf dem Friedhof haben. Und das zählt.

Wie wird das "Abschiednehmen" während einer Trauerfeier gestaltet? Begleiten Sie die Hinterbliebenen auch im Anschluss an eine Trauerfeier seelsorgerisch?

In der Trauerfeier hören wir die Musik, die die Lebenswirklichkeit des Verstorbenen bestimmt hat oder Wünsche der Angehörigen sind. In der Predigt werden die wesentlichen Stationen des Lebens in Erinnerung gerufen und wird die christliche Hoffnung, die wir im Angesicht des Sterbens haben, verkündigt. Dazu beten wir und segnen den Verstorbenen aus.

Im Anschluss an die Trauerfeier geht die Familie oft zu einer geselligen Stunde in ein nahe gelegenes Café. Dies ist auch – wie ich empfinde – ein wichtiges Miteinander, gibt es doch allen – gerade den Gästen aus der Ferne – die Möglichkeit, noch einmal etwas Bedeutsames über den Verstorbenen zu sagen. Und es gibt den Angehörigen die Möglichkeit, im Kreise einer verbundenen Gemeinschaft die Trauerfeier ausklingen zu lassen.

Als Gemeindepastor lade ich die Familie zu einem der folgenden Sonntagsgottesdienste zur sogenannten Abkündigung mit Gebet ein. Wenn zudem eine seelsorgerliche Begleitung erbeten oder notwendig wird, stehe ich selbstverständlich bereit.

Hat sich in den letzten 20 Jahren in der Kultur von Trauerfeiern etwas verändert? Wo geht ihrer Meinung nach der Trend hin?

Wir alle, die wir bei den Trauerfeiern zusammenarbeiten (Friedhofsverwaltung, Kapellenwärter, Bestatter, Floristen, Steinmetze, Musiker, Geistliche) sind aufgerufen, uns die Bestattungskultur zu erhalten. In Bayern sagt man im Volksmund: Wenn du etwas über die Kultur eines Volkes, von Menschen erfahren möchtest, dann gehe auf den Friedhof und Du wirst sie erkennen. Wir können in Hamburg dankbar sein, dass wir durch den Verband und seinen Vorsitzenden, Herrn Wulf, durch den Leiter des größten Parkfriedhofes der Welt mit einer 125-jährigen Tradition, Herrn Purwin, und Alfred Karbenk, ehemaliger Obermeister der Steinmetze, Menschen in leitenden Positionen haben, die für die Bestattungskultur eintreten. So ist es zum Beispiel gelungen, dass die Zeit für eine Trauerfeier auf den staatlichen Friedhöfen seit dem 1. Januar 2006 von 60 Minuten auf 90 Minuten ausgedehnt worden ist. Wünschenswert wäre das auch für alle kirchlichen Friedhöfe. Gewiss habe ich mich mit meinen bescheidenen Mitteln dafür auch eingesetzt, weil ich der Meinung bin, dass gerade auf dem letzten Weg Zeitdruck kein Thema sein darf.

Sehen Sie Defizite in der deutschen Bestattungskultur?

Ich bin der Überzeugung, dass wir mit unserer Bestattungskultur im europäischen Vergleich gut dastehen. Es sollte uns aber nicht davon abhalten, ständig dafür einzutreten, diese Kultur zu erhalten und sie weiter zu entwickeln.

Was nehmen Sie nach einer Trauerfeier mit nach Hause? Können Sie generell schnell abschalten?

Das, was man mitnimmt, ist sehr unterschiedlich. Bewundernswert ist manche Stärke, die Angehörige haben, Kraft, die ihnen mit einem Male zukommt. Eine Trauerfeier muss auch bei mir ausklingen. Ich kann nach einer Feier nicht gleich wieder zur Tagesordnung übergehen.

Haben Sie einen Lieblingsfriedhof?

Ich halte den Friedhof Ohlsdorf für eine sehr schöne Ruhestätte. Die Weitläufigkeit, die Auswahl der Kapellen, deren bauliche Besonderheiten – zum Beispiel die Kapelle 13, der Schumacherbau. Diesen Eindruck bestätigen oft die Angehörigen derjenigen, die zu Beisetzungen nach Hamburg kommen. Und er ist nicht nur der größte Parkfriedhof der Welt, er hatte auch die erste evangelische Friedhofspfarrstelle und hat sie bis heute. Ein Problem – und das muss man einfach an dieser Stelle benennen, und ich spreche da im Interesse vieler – ist die despektierliche Haltung von Menschen auf Friedhöfen. Da sind die Autofahrer zu nennen, die den Friedhof als Abkürzung nutzen, die sich nicht an die Begrenzung der Geschwindigkeit halten, die hupen, die bei Trauerzügen nicht anhalten und den Motor abstellen – die, auch das habe ich erlebt, an einem Trauerzug "vorbeipreschen", die "Profiradler", die hier trainieren, um nur einiges zu benennen. Die Friedhofsverwaltung tut ihr Bestes, aber Pietät und Vernunft kann man eben nicht erzwingen. Das ist eine Frage von Wertschätzung und dem eigenen Verhältnis zu Tod und Vergänglichkeit, eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft.

Was kommt für Sie nach dem Tod?

Wir alle wissen nicht, was kommt. Wir haben vom Tod kein Wissen, geschweige denn eine Erfahrung. Wir alle werden es erst dann erfahren, wenn wir hindurch sind – aber dann können wir es niemandem mehr erzählen.

Als Christ habe ich die feste Überzeugung, dass ich bei meinem Herrgott geborgen liegen werde und er mich zu ewigem Leben auferwecken wird. Denn von ihm komme ich her und zu ihm bin ich auf dem Weg. Er allein hat Zeit und Stunde in seiner Hand – und wird es gewiss auch nach dieser Richtung gut mit mir meinen und machen. Das glaube ich und darauf vertraue ich.

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Friedhöfe zwischen Elbe und Weser (August 2008).
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