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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Neuzeitliche Gruftanlagen – Einzigartige Zeugnisse der Bestattungskultur

Gräber gehören zu den wichtigsten Informationsquellen für Archäologen.

Anhand von Grabbefunden lassen sich nicht nur Bestattungssitten vergangener Epochen rekonstruieren, sondern auch in Zusammenarbeit mit anderen Fachdisziplinen Rückschlüsse auf die materielle und geistige Kultur ziehen. Archäologen haben es meist mit Erdgräbern, also Körper- oder Urnen- bzw. Brandbestattungen, zu tun. Eine Sonderform sind die besonders seit der frühen Neuzeit aufkommenden Bestattungen in meist begehbaren Gruftanlagen. Als Gruft wird ein gemauerter Raum bezeichnet, der als Grabstätte für eine oder mehrere Bestattungen dient. Diese Kammern können sowohl ober- als auch unterirdisch angelegt sein. In der Regel sind die Räume über einen Zugang begehbar; es gibt aber auch in den Fußboden oder das Erdreich eingelassene Kammern, die mit Grabplatten verschlossen sind und nur bei weiteren Beisetzungen geöffnet werden. Grüfte sind sowohl in Kirchen oder Kapellen als auch auf Friedhöfen angelegt worden, hier oft in Verbindung mit Mausoleen.

Ab dem ausgehenden 16. Jahrhundert tritt das Phänomen, Verstorbene in Grüften zu bestatten, auf. Dabei dürfte die Anlage von Grüften weniger aus Platz-, als aus Repräsentationsgründen geschehen sein. Es handelt sich um eine Zeiterscheinung, die in vielen Kirchen, Klöstern und Friedhöfen zu beobachten ist. Hinter dem Konzept der Gruftbestattung steht das Bedürfnis gehobener Schichten, des Adels, des Großbürgertums oder höherer Klerikaler, sich auch nach dem Tode noch als bedeutende Person des sozialen Lebens im allgemeinen Bewusstsein und der Erinnerung zu erhalten. Offensichtlich galt die absichtliche und mancherorts aufwendige Zurschaustellung der eigenen Bestattung oder der seiner Angehörigen als tugendhaft – schien dahinter doch, zumindest im allgemeinen Empfinden, ein memento mori, ein Sichbewusstmachen der eigenen Vergänglichkeit hervor. Vor allem im Protestantismus wurde die Notwendigkeit des Vergänglichkeitsbewusstseins betont. Wie Philippe Ariès bemerkt, entdeckte in dieser Zeit "im Spiegel seines eigenen Todes...jeder Mensch das Geheimnis seiner Individualität".1 In der Grabkunst bis zum 17. Jahrhundert sind deutliche "Fortschritte in Richtung einer zunehmenden Personalisierung" bemerkbar und im 18. Jh. beginnt auch die Mittelklasse, "aus der Anonymität aufzusteigen und ihre Identität nach dem Tode zu behaupten".2 Ein bereits im Leben erreichter und erhaltener Status sollte auch nach dem Ableben konstatiert werden. Dies bedeutete auch eine Identifikation der gesamten eigenen Familie mit erworbenem oder verliehenem Stand und Ansehen. "Man erinnerte sich seiner Vorväter und Ahnen, man war stolz auf eine Kette erlauchter und ehrbarer Vorfahren. Stammtafeln wurden angelegt, Ahnenbilder zusammengetragen oder neu in Auftrag gegeben und Räumlichkeiten, Säle geschaffen, um seine Ahnen vorzuzeigen. In dieser Situation tritt unausweichlich auch der Wunsch auf, die an so verschiedenen Orten und Stellen bestatteten Familienmitglieder nicht nur an einem Ort, sondern auch in einem Raum zu vereinen".3 Um die Toten besuchen zu können, mussten sie ein Zuhause haben. Man wollte den genauen Ort auffinden können, an dem der Leib des Verstorbenen beigesetzt war und der Wunsch entstand, diesen Ort ganz in den Besitz des Verstorbenen und seiner Familie übergehen zu lassen, wenn dies die pekuniäre Lage erlaubte. Der private Totenkult ist an solch einem Ort zugleich ein öffentlicher und somit wird das individuelle auch ein gesellschaftliches Gedenken. Die Gruft konnte von Angehörigen oder auch anderen Interessierten besucht werden, eine Erscheinung, die typisch für die Barockzeit und darüber hinaus ist. So wurden viele Grüfte zum Museum berühmter Menschen; die Totenstadt erschien als die Kehrseite der Welt der Lebenden.

Zwei Faktoren erschweren den letzten Zeugnissen der Bestattungskultur des 17. bis 19. Jahrhunderts das "Überleben": zum einen ist die Sepulkralkultur nach wie vor ein Stiefkind der Wissenschaft. Viele Menschen empfinden die Beschäftigung mit dem Tode als Last oder haben unangenehme Empfindungen angesichts Skeletten, Mumien oder der bloßen Särge. Zum anderen werden neuzeitliche Gruftinventare aufgrund ihres jungen Alters als Objekte der Kulturgeschichte oft nicht ernstgenommen. Man denke daran, dass die Archäologie des Mittelalters erst seit wenigen Jahrzehnten als Fachrichtung seriös betrieben und Neuzeitarchäologie von manchen Fachkollegen noch belächelt wird. Faktum ist, dass kaum mehr eine Gruft im ungestörten Zustand existiert und die Dramatik der Lage offensichtlich von den meisten Beteiligten (dabei auch Mitarbeitern von Bau- und Bodendenkmalpflege) erst dann erkannt wird, wenn fast alle Dokumente verlorengegangen sind. Leider verschwinden noch immer komplette Inventare aus barocken Gruftanlagen ohne jegliche Dokumentation. Dabei ist es unerheblich, ob es sich um hochwertige Zeugnisse der Tischlerkunst mit aufwendig gearbeiteten Metall- oder Textilornamenten handelt oder Särge nur noch durch einzelne, scheinbar wertlose Bretter vertreten sind. Ebenso wird in den Fällen der Entsorgung nicht darauf geachtet, wie es um den Sarginhalt bestellt ist: sind "nur noch" einige Knochen vorhanden (auch diese können der Anthropologie wesentliche Daten liefern) oder findet man gar mumifizierte Leichname mit mehr oder minder vollständiger Totenkleidung und Sarginnenausstattung?

Nur wenige Grüfte sind bislang wissenschaftlich untersucht und angemessen dokumentiert worden. Als beispielhaft für eine sehr gute Aufnahme eines Befundes aus dem 17. Jahrhundert darf das Familienbegräbnis der Grafen von Sulz gelten.4 Kaum hoch genug zu bewerten sind nicht nur die Dokumentation der Michaeler Gruft in Wien von Alexandra Rainer, sondern vor allem ihre Bemühungen, diese Anlage zu retten, die durch unsachgemäße Vermauerung ihrer "lebenswichtigen" Belüftung beraubt wurde.5 Eine Gruft bietet Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen ein reiches Betätigungsfeld. Nicht nur, dass hier so viele unterschiedliche Materialien wie Holz, Textilien, Metall, Papier, Pflanzenteile und Knochen und die organischen Bestandteile der Mumien in den verschiedensten Erhaltungszuständen anzutreffen sind – es gibt kaum eine Befundart, in der sich so sichtbar die geistige Kultur in der Sachkultur niedergeschlagen hat. Ein derart anspruchsvoller Komplex verlangt eine interdisziplinäre Zusammenarbeit aus den Gebieten Archäologie, Kunstgeschichte, Anthropologie und Geschichte sowie Botanik, Religionswissenschaft und Volkskunde. Die Verbindung dieser oder zumindest einiger der vorgestellten Fachrichtungen hat sich auch bei einigen Grüften als fruchtbringend erwiesen, die hier kurz vorgestellt werden sollen.6 Es sind dies:

  • die Gruft unter der Parochialkirche in Berlin-Mitte
  • die Domgruft in Brandenburg/Havel
  • die Gruft unter der Hauptkirche St. Michaelis in Hamburg ("der Michel")
  • die Terrassengruft auf dem St. Wiperti-Friedhof in Quedlinburg
  • die Äbtissinnengruft des Klosters Lüne in Lüneburg
  • der Nikolaifriedhof in Görlitz.

Nahezu allen Grüften wohnt der Hauch des Düsteren und Muffigen inne. Ursprünglich aber waren diese Anlagen, ob ober- oder unterirdisch angelegt, weiß gekalkt, häufig bemalt und mit Inschriften versehen sowie vor allem gut durchlüftet. Die Belüftung durch ein oft ausgeklügeltes System aus Fenstern und Schächten sollte die Grüfte zu einem sauberen, begehbaren Ort machen; Verwesungsgerüche wurden im Barock oft für Seuchen verantwortlich gemacht und hielten sich bei einer Gruft mit ausreichender Luftzirkulation in akzeptablen Grenzen. Die Folge war, dass sich nicht nur die hölzernen und metallenen Behältnisse der Leichname, sondern auch in den luftdurchlässigen Holzsärgen diese selbst erhielten. Eine natürliche Mumifikation, also eine Austrocknung des Leichnams ohne vorherige Behandlung, ist weitaus häufiger, als landläufig angenommen. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts hat es in Deutschland Hunderte von Mumiengrüften gegeben – die Schilderungen Theodor Fontanes allein für die Mark Brandenburg lassen die ursprünglichen Dimensionen ahnen. Die meisten Grüfte sind stillschweigend beräumt oder dergestalt zugemauert worden, dass die Belüftung ausblieb und die Bestattungen durch die nun nicht mehr abziehende Feuchtigkeit ein Raub von Schimmelpilzen, Bakterien und anderen Schädlingen wurden. Auch Beraubungen und Plünderungen sind leider bei zahlreichen Befunden über Jahre hinweg zu beklagen gewesen.

Berlin
Gruft der Parochialkirche in Berlin-Mitte: Eine der Gruftkammern mit gereinigten Särgen. Foto: Christian Hammer

Die Gruft der Parochialkirche in Berlin-Mitte, einem im Jahre 1703 geweihten barocken Zentralbau, ist für das Zusammentreffen dieser Umstände ein typisches Beispiel. In der äußeren Ausdehnung grundrissgleich mit dem aufgehenden Gebäude verfügt die Souterrain-Anlage über zwei Gänge in Nord-Süd- und Ost-West-Richtung, von denen insgesamt 30 Kammern abgehen. In der Zeit von 1703 bis 1878 wurden hier 556 Personen der reformierten Gemeinde Berlins beigesetzt: Angehörige des Stadtadels, des wohlhabenden Patriziertums, Magistratsbeamte, Wissenschaftler, Ärzte, Hofprediger und ihre Familien finanzierten mit dem Kauf ihres Bestattungsplatzes Bau und Betrieb der Kirche und fanden dort ihre vermeintlich letzte Ruhe. Die hohe Belegungszahl erklärt sich durch die Praxis der Kirche, trotz Ewigkeitsklausel Kammern und einzelne Stellplätze mehrmals zu verkaufen, wenn kein Einspruch von Angehörigen vorlag. Die Särge wurden dann andernorts einer Erdbestattung zugeführt. Heute sind mehr oder weniger vollständig noch rund 120 Särge vorhanden. In den Nachkriegsjahrzehnten wurde die Gruft immer wieder geplündert, Särge aufgebrochen und beraubt, schließlich mauerte man die Gruft zum Teil zu, was zu einem deutlichen Schimmel- und Schädlingsbefall sowie Korrosion der Metallteile führte. Die allermeisten Särge sind aus Holz, drei Exemplare aus Stein, eines aus Zinkblech gefertigt. Die Särge sind in vielen Fällen mit teils kostbaren Stoffen und Leder bespannt; neben den Blechbeschlägen fallen Inschriften, Ornamente und Zierbänder aus Linsenkopfnägeln auf. Es gab noch in den 1990er-Jahren Pläne, die Gruft zwecks einer Fremdnutzung zumindest größtenteils zu beräumen. Im Klartext hieß das: die nach dem Berliner Dom zweitwichtigste Gruft Preußens, in der diejenigen beigesetzt wurden, die den jungen preußischen Staat mitaufgebaut hatten, sollte zu einer Weinstube bzw. Toiletten- und Garderobenräumen umfunktioniert werden. Nachdem dies verhindert werden konnte, übernahm ab 1999 eine interdisziplinär arbeitende Forschergruppe aus den Fachgebieten Archäologie, Kunstgeschichte, Anthropologie und Geschichte die Dokumentation von rund 100 Inhalten bereits geöffneter Särge mit den großteils mumifizierten Leichnamen und oft hervorragend erhaltenen Textilien sowie im Jahre 2001 sämtlicher Särge selbst, um den Bestand vor einem weiterem Verfall wissenschaftlich festzuhalten .7 Hierbei wurden auch in den Kammern verteilte Sargeinzelteile geordnet und teils wieder zusammengefügt. Da die für die Datierung wesentlichen Inschriftenbleche oder zumindest Ornamente häufig nicht mehr vorhanden waren, gestaltete sich die Datierung vieler Särge als besondere Herausforderung. Ein Kunsthistoriker8 übernahm die konservatorischen Maßnahmen und Neuordnung der Gruft. Nach der Öffnung der Belüftungsfenster hat die Kirchengemeinde Nachbildungen der barocken Gitter einbauen lassen.

Zu besonderen Anlässen (z. B. am Tag des offenen Denkmals) kann die Gruft mit Führung besichtigt werden; Ziel ist die Wiederherstellung der Würde und Ruhe in den Gewölben. Zu sehen ist der interessante Baukörper mitsamt dem Sargsenkschacht und die wieder verschlossenen Särge, Leichname werden nicht gezeigt.

Brandenburg
Domgruft in Brandenburg an der Havel: Barocksarg mit bemaltem Wappenblech und Kantenbeschlägen. Foto: Andreas Ströbl

Die Domgruft in Brandenburg an der Havel besteht aus einem kleinen ebenerdigen Anbau an das nördliche Querschiff des vom 12. bis zum 17. Jahrhundert erbauten Doms St. Peter und Paul. Mit ihrem prächtigen Portalzugang vom Kircheninnenraum aus symbolisiert dieses Begräbnis das Selbstbewusstsein einer adeligen Familie aus dem 18. und frühen 19. Jahrhundert. 33 hölzerne Särge derer von Schlabrendorff und ihrer Verwandten aus der Zeit von 1705 bis 1835 standen bis vor kurzem in traditioneller Manier übereinander gestapelt, unterstützt von einem zwischenzeitlich eingestürzten hölzernen Hilfsgerüst. Ein kostbarer Zinn-Außensarg aus dem Jahre 1644 kam nachträglich in die Gruft. Nahezu alle Särge der Einkammer-Gruft lassen sich zweifelsfrei den Bestatteten zuordnen. Durch ein kleines Fenster nach außen und die nicht dicht abschließende Grufttür nach dem Dominnenraum ist ein stetiger Luftzug gewährleistet, der Särge und Leichname (bis hin zu sichtbaren Ähnlichkeiten mit Porträts) und Kleidung hervorragend durch Austrocknung konserviert hat. Die metallenen Beschläge und Zierelemente sowie Bemalungen sind sehr gut erhalten. Einzigartig sind die fußhäuptig angebrachten bemalten Bleche mit den Familienwappen. Beraubungen fanden in einzelnen Fällen statt, weswegen ein Teil der Särge gewaltsam geöffnet wurde. Zudem wurden zu DDR-Zeiten einige, zudem besonders gut erhaltene Särge mit ausgezeichneter Erhaltung der Leichname und ihrer Kleidung entsorgt, von denen sich jeweils nur ein Schwarz-Weiß-Foto erhalten hat. Die verbliebenen Objekte jedoch bieten einen für alle Fachrichtungen äußerst wertvollen Einblick in die barocke bis biedermeierzeitliche Bestattungskultur. Wegen einer notwendigen Ausbesserung am Baukörper der Gruft wurden im Jahre 2002 nahezu alle Särge zeitweise ausgelagert und konnten von der oben genannten Arbeitsgruppe dokumentiert werden. Nach den Untersuchungen und Reparaturarbeiten baute man ein neues Gerüst in den Gruftraum; die Särge lagern wieder hinter verschlossener Tür.

Hamburg
Gruft unter der Hauptkirche St. Michaelis in Hamburg: Inventar einer Gruftkammer mit gut erhaltenen klassizistischen Särgen. Foto: Dana Vick

Die Gruft unter der Hauptkirche St. Michaelis in Hamburg, dem im Jahre 1762 vollendeten Wahrzeichen der Stadt, ist eine europaweit einzigartige Anlage. Insgesamt 268 Kammern reichen unterhalb eines begehbaren Kellerbereiches, der der gesamten Grundfläche der Kirche entspricht, 4 m in den Erdboden hinunter. In der Belegungszeit während der Jahre von 1762 bis 1817 wurden 2.145 Personen mit, je nach vertraglicher Vereinbarung, bis zu 100-jähriger Liegezeit in der Gruft bestattet. Prominentester Beigesetzter ist der Komponist Carl Philipp Emanuel Bach. Ähnlich wie im Berliner Beispiel sollte mit dem Kauf der Begräbnisstätte der Kirchenbau refinanziert werden. Die einzelnen Kammern sind unterteilt in Einzel-, Familien- und Bruderschaftsgräber, die allesamt durch je zwei Sandsteinplatten, zumeist mit Inschrift abgedeckt sind. In den Platten sind Eingriffe eingebracht, die zum Anheben bzw. Absenken der Platten dienten und möglicherweise eine geringfügige Belüftung des Kammerinneren gewährleisteten. Am Boden der einzelnen Kammern befindet sich eine Ausnehmung zum Auffangen von Flüssigkeiten, was eine bessere Austrocknung der Bestattungen zur Folge hatte. Damit wurde den hygienischen Anforderungen Genüge getan und einer Geruchsbelästigung entgegengewirkt. Nach einem Brand im Jahre 1906 wurden nahezu alle Eingriffe im Jahre 1908 mit Zementmörtel verschlossen. Einzelne Kammern sind in dieser Zeit und beim Einbau eines Luftschutzbunkers im Zweiten Weltkrieg beräumt worden, alle anderen dürften sich noch im originalen Belegungszustand befinden. Der Verschluss der Eingriffe hat vermutlich dazu geführt, dass sich deutlich mehr Feuchtigkeit in den Kammern sammelte, was eine schlechtere Erhaltung der organischen und metallenen Materialien nach sich zog. Zwecks nötiger Eingriffe in den Baukörper wurden seit dem Jahre 2004 36 Gruftkammern geöffnet und von den Verfassern wissenschaftlich untersucht. Es zeigte sich, dass die Kammerinventare zwar feucht, aber Sarghölzer, Zinkbleche, aufliegende Kruzifixe, textile Sarginnenaustattungen sowie die Totenkleidung hervorragend erhalten sind. Eisen ist stark korrodiert, die Leichname sind skelettiert. Bei der Dokumentation bereits dieses kleinen Ausschnitts des Gesamtbefundes fiel in einzelnen Fällen auf, dass die Eintragungen in den Kirchenbüchern nicht mit der tatsächlichen Belegung übereinstimmen – ein weiterer Beleg für die wichtige Rolle der Archäologie bei der Korrektur geschichtlicher Daten. Nach der Untersuchung wurden die Kammern wieder verschlossen. Der Bereich zwischen Gruftkammern und Kirchenraum wird wie schon seit Jahren für Konzerte, Ausstellungen und Empfänge genutzt. Die Besonderheit bei Besuchen der St. Michaelis-Gruft liegt in der angenehmen Mischung aus räumlicher Nähe zu den Bestatteten und der hanseatisch-nüchternen Distanz, die durch die Abgeschlossenheit der Kammern und die Gleichförmigkeit der Sandsteinplatten gegeben ist.

Quedlinburg
Gruft auf dem St. Wipertifriedhof in Quedlinburg: Gruftkammer mit Biedermeiersärgen. Foto: Andreas Ströbl

Die Gruft auf dem St. Wipertifriedhof in Quedlinburg liegt im Südwesten der als Unesco-Weltkulturerbe ausgewiesenen Altstadt Quedlinburgs und gehört zur St. Wipertikirche, der ältesten Kirche Quedlinburgs aus dem 9. Jahrhundert. Auf dem Friedhof befinden sich viele reizvolle Grabstätten aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert, die zum größten Teil mit unterirdischen Grüften versehen sind. Oberhalb der eigentlichen Friedhofsfläche erhebt sich eine zweistufige Terrassenanlage, die eine einzigartige Gruftanlage aus dem 18. Jahrhundert beherbergt. Ausgehend von in den anstehenden Fels getriebenen Einzelgrüften hat man diese nach oben hin erweitert und schließlich zwei geschlossene Fronten aus gemauerten Gruftkammern, die als Familienbegräbnisse genutzt wurden, gebaut. Nur diese sind noch heute sichtbar. Für jede Kammer wurde ein Belüftungsschacht eingebaut. In der unteren Reihe befinden sich 20 Kammern, in der oberen 22, zuzüglich fünf bzw. sieben Kammern, die über Eck angelegt sind. Die einzelnen Kammern sind mit Eichentüren verschlossen, von denen noch einige im Original existieren. Wahrscheinlich sind die meisten Kammern bzw. beide Terrassen in den späten 1780er-Jahren entstanden. Zumeist dürften die Grüfte von adeligen Familien und Vertretern des reichen Bürgertums erworben worden sein; allerdings geschah dies nicht auf Ewigkeit, sondern war auf rund 100 Jahre begrenzt. Die meisten Särge sind durch Vandalismus, Beraubung und infolgedessen Aufräumarbeiten in der DDR-Zeit beseitigt worden. Nur dem beherzten und langmütigen Einschreiten eines einzelnen Bürgers ist zu verdanken, dass der gesamte Friedhof in den 1960er-Jahren nicht zu einem Parkplatz umgestaltet wurde. Auch jetzt trägt dieser Bürger Sorge für den Friedhof und versucht, die letzten Gruftinventare und die baulichen Elemente vor Entsorgung und Verfall zu retten. In mehreren Kammern befinden sich noch wertvolle Metall- und Holzsärge vor allem aus dem 19. Jahrhundert und ältere Einzelteile. Die Erhaltung ist teils hervorragend, da einige Kammern seit der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht geöffnet wurden. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite liegt der St. Servatii-Friedhof, der eine ähnliche Reihe von Familiengrüften aufweist, die aber wahrscheinlich aus dem beginnenden 19. Jahrhundert stammen. Bemerkenswert ist die große Gruft der Familie Mette aus den 1890er-Jahren, die eine fast lückenlose Belegung bis hin zur Jetztzeit aufweist. Die Anlage ist bisher niemals wissenschaftlich untersucht und vermessen worden, obwohl die St. Wipertikirche zum Unesco-Weltkulturerbe gehört und die barocke Gruftanlage nördlich der Alpen keine Entsprechung hat.9

Die Äbtissinnengruft des Klosters Lüne in Lüneburg befindet sich grundrissgleich unter der gotischen Barbarakapelle und wurde zwischen 1634 und 1838 mit den Bestattungen von zehn Äbtissinnen und einer Stiftsdame belegt. Die Belüftung der Einkammer-Gruft war durch ein vergittertes Fenster und die ehemals nicht dicht abschließende Klappe des Senkschachtes gesichert. Da der Schacht seit ca. 25 Jahren luftdicht geschlossen war, wurde eine ausreichende Belüftung wiederhergestellt. Die durch die angestaute Feuchtigkeit beschädigten Särge sind seit Herbst 2005 von den Verfassern dokumentiert worden. Die Dokumentation begleitete die konservierende Restaurierung10 des Bestandes. Die elf Särge bieten das wunderbare Beispiel der über 200 Jahre ungebrochenen Bestattungstradition eines protestantischen Klosters in Norddeutschland. Die älteren Stücke zeigen aufgemalte Inschriften und Familienwappen, die jüngeren sind mit Zierbeschlägen, Inschriftenkartuschen und Wappenblechen dekoriert; auch Reste von textilen Bespannungen sind noch vorhanden. Fünf Särge tragen auf den Deckelplatten aufwendig und vollplastisch gearbeitete Kruzifixe. Textilien, sei es von der Sarginnenausstattung oder der Totenkleidung, sind zum Teil sehr gut erhalten. Die Leichname sind, soweit einzusehen, entweder mumifiziert oder skelettiert und wurden, soweit dies möglich war, anthropologisch untersucht. Hervorzuheben ist der Fund von insgesamt zehn Hühnereiern aus sechs Särgen. Eier als Grabbeigabe symbolisieren das Leben und die Auferstehung. Da diese aber im archäologischen Befund bislang nur selten und in geringer Anzahl nachgewiesen sind, kommt den Lüneburger Funden eine besondere Bedeutung zu. Die Lüneburger Gruft ist beispielhaft für eine sehr gute Zusammenarbeit zwischen dem Kloster, der Denkmalbehörde und schließlich den ausführenden Wissenschaftlern. Zu betonen ist der allen Beteiligten eignende Wille, die Gruft mit ihren Bestatteten in Würde zu erhalten. Die Totenruhe bleibt gewahrt, Besuche sind aufgrund der schweren Zugänglichkeit ohnehin nur in Ausnahmefällen möglich.

Görlitz
Nikolaikirchhof in Görlitz: Aufgebrochene Särge in der Gehler-Gruft. Foto: Dana Vick

Der Nikolaikirchhof in Görlitz ist der älteste Friedhof der Stadt. Auf dem 1305 erstmals urkundlich erwähnten Friedhof befinden sich über 600 Grabdenkmale. Zwischen den Einzelgräbern und am Rand des Friedhofs stehen so genannte Grufthäuser, die seit der Mitte des 17. Jahrhunderts entstanden sind. Unterhalb dieser Grufthäuser liegen große begehbare Grufträume, die als Ruhestätte für die reichen Görlitzer Geschlechter, insbesondere Kaufleute, Ratsmitglieder und Honoratioren der Stadt dienen. Unter den Einzelgräbern befinden sich ebenfalls Grufteinbauten, die allerdings kleiner und nicht begehbar sind. 1847 ist der Nikolaifriedhof als Bestattungsort aufgegeben worden. Im Januar 2008 wurden die Verfasser von der Evangelischen Kulturstiftung beauftragt, die Särge in der Gruftanlage "Storch/Göldner" zu dokumentieren und den Zustand des Inventars im Grabraum unter dem Grufthaus der Familie Gehler zwecks weitergehender Maßnahmen zur Erhaltung des Bestandes zu beurteilen. Besonders hervorzuheben ist der gute Erhaltungszustand der Särge in der Storch/Göldner-Gruft mit den Resten des biedermeierzeitlichen Schmucks aus Palmwedeln und Kränzen verschiedener Pflanzen. In der Gehler-Gruft zeigten sich bereits bei der ersten Begehung verschiedene Details wie beispielsweise Totenkronenfragmente – hier winzige Fragmente, die erst bei genauem Hinsehen erkennbar werden. Eine weitergehende Dokumentation wäre sehr wichtig, um den unbedingt erhaltenswerten Bestand angemessen zu würdigen.

Die angeführten Beispiele haben gezeigt, dass respektive des Wunsches nach Erhaltung von Gruftanlagen in den meisten Fällen Gefahr im Verzug zu vermelden ist. Bestattungen, die oft mehrere Jahrhunderte überdauert haben, sind oft erst in den letzten Jahrzehnten Opfer von Beraubung, Vandalismus, Unkenntnis und Ignoranz geworden. Der Umgang mit den Toten und damit der eigenen Tradition spricht im übrigen Bände für das kulturelle Selbstverständnis. Dem möglichst unproblematischen Entsorgen der eigenen Verwandten entspricht der Umgang mit den "historischen Altlasten" (Originalzitat aus der Broschüre einer Grabungsfirma). Dies gilt sowohl für das Gebiet der ehemaligen DDR, in der man sich in ideologisch untermauerter Hybris über frühere Traditionen hinwegsetzte, als auch für den Westen der Republik, in dem pragmatische und finanzielle Gründe zum Verschwinden von alten, intakten Bestattungen führten und führen. Jede Gruft hat ihre eigene Geschichte und, für den Kunst- und Kulturhistoriker interessant, ihre eigene Typologie. Särge werden erst seit kurzem als Massenware hergestellt und waren in früheren Zeiten hervorragende Zeugnisse der Tischlerkunst sowie aller mitwirkenden Handwerke. Selten sind Särge exakt baugleich oder mit identischen Ornamenten verziert – zumeist sind sie entsprechend den darin liegenden Individuen Unikate. Die Beschäftigung mit Grüften bedeutet, anders als bei einer archäologischen Ausgrabung, bei der man fast immer mit einem mehr oder weniger abstrakten Skelett zu tun hat, eine Konfrontation mit ebendiesen Individuen, die aufgrund der oft sehr gut konservierenden Umstände ihrer Bestattung noch viel mehr als Menschen zu erkennen sind. Die Gesichtszüge von Mumien, zumal von Kindern, wirken nach den ersten, manchmal unangenehmen Momenten mitunter anrührend und machen bewusst, dass jede Bestattung mit starken Emotionen verbunden war. Es hat sich deutlich gezeigt, dass erst das Urteil von im besten Falle interdisziplinär arbeitenden Fachleuten den Wert einer Gruft und ihres Inventars erkennen lässt.11 Auch aus "alten Brettern und morschen Knochen" lesen die Wissenschaftler Informationen heraus, die wesentlich zur Wissenserweiterung über die Bestattungskultur unserer Vorfahren sind.

1 Philippe Ariès, Studien zur Geschichte des Todes im Abendland, Wien 1976, S. 42.
2 Ariès, S. 41.
3 Ilse Fingerlin, Die Grafen von Sulz und ihr Begräbnis in Tiengen am Hochrhein, Stuttgart 1992,S.206f.1
4 Fingerlin 1992.
5 Alexandra Rainer (Hrsg.), Die Michaeler Gruft in Wien – Retten, was zu retten ist, Wien 2005.
6 Die kunsthistorische Ansprache der aufgeführten Befunde übernahm A. Ströbl.
7 Die Arbeitsgruppe Parochialkirche bestand aus der Archäologin Blandine Wittkopp, der Anthropologin Bettina Jungklaus, dem Historiker Daniel Krebs und Andreas Ströbl (Archäologe und Kunsthistoriker).
8 Der Kunsthistoriker Christian Hammer, der auch die photographische Dokumentation des Bestandes besorgte.
9 Lediglich zwei zugängliche Kammerinventare hat A. Ströbl im Rahmen privater Forschung im August 2005 dokumentiert.
10 Der Kunsthistoriker Christian Hammer führte die konservatorischen Sicherungsmaßnahmen durch.
11 Fachmeinungen müssen nebenbei auch bezüglich der mykologisch-mikrobiellen Belastung eingeholt werden. Das Betreten einer nicht ausreichend belüfteten Gruft kann aufgrund der oft hohen Pilz- und Bakterienbelastung ernste gesundheitliche Schäden nach sich ziehen und ist unter Umständen lebensgefährlich.

Kontakt: Andreas Ströbl, Baurat-Gerber-Str. 11, 37073 Göttingen; Dana Vick, Flotowstr. 29, 22083 Hamburg

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