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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Nürnberger Friedhöfe

Autor/in: Uwe Werk
Ausgabe Nr. 98, III, 2007 - August 2007

Nürnberg war im Mittelalter eine der größten der freien Reichsstädte, die direkt dem Kaiser unterstellt waren, es erlebte um 1500 seine größte Blüte.

Etwa 40.000 Einwohner hatte die Stadt damals. Die Toten wurden auf den bei den Kirchen gelegenen Friedhöfen und bei den Klöstern und Spitälern beerdigt. Aufgrund der Pest, die ab 1359 auch in Nürnberg gewütet hat, versuchte die Stadtverwaltung frühzeitig Beerdigungen innerhalb der ummauerten Stadt zu verhindern. Dies scheiterte zunächst am Widerspruch des Klerus, konnte aber 1517 mit Unterstützung des Deutschen Kaisers Maximilian I. untersagt werden. Ab 1518 erfolgten Beerdigungen ausschließlich außerhalb der Stadtmauern, nur wenige Ausnahmen für den Klerus wurden zugelassen. Zudem wurde verfügt, dass alle Friedhöfe innerhalb der ummauerten Stadt geschlossen werden müssen. Bis 1526 waren alle Friedhöfe aufgelassen. Für die Toten der Sebalder Stadthälfte (nördlich der Pegnitz) wurde der St. Johannisfriedhof als Grablege bestimmt. Neu angelegt wurde für die Lorenzer Stadthälfte der St. Rochusfriedhof und 1529 ein eigener für die Vorstadt Wöhrd, östlich von Nürnberg gelegen.

Die Friedhöfe St. Johannis und St. Rochus

Der St. Johannisfriedhof, westlich der Altstadt gelegen, ist der historisch bedeutendste Nürnberger Friedhof. Bereits seit dem 13. Jh. kann hier eine Kapelle mit Friedhof auf dem Gelände des damaligen Siechkobels (Pflegestätte für Leprakranke) nachgewiesen werden. Im 14. Jh. wurde östlich davon ein Pestfriedhof mit einer kleinen Pestkapelle, der Stephanuskapelle, ausgewiesen. Ein Aquarell von Albrecht Dürer aus dem Jahre 1494 zeigt den Johannisfriedhof in seiner damaligen Form mit der Kapelle. 1506/07 erfolgten der Abbruch der Kapelle und der Neubau der Heilig-Grab-Kapelle. Da sich in dieser Kapelle die Grablege der Patrizierfamilie Holzschuher befindet, wird sie auch Holzschuherkapelle genannt. Die Heilig-Grab-Kapelle ist Endpunkt des Nürnberger Kreuzweges, der von dem Bildhauer Adam Kraft geschaffen wurde. In der Kapelle befindet sich die Kreuzwegstation "Grablege Christi". In der Sebalder Stadthälfte, unterhalb der Kaiserburg, waren die großen Nürnberger Handelshäuser angesiedelt. Bedeutende Künstler hatten hier ihre Wirkungsstätte.

St.Johanniskirche
Die St. Johanniskirche auf dem Johannisfriedhof Nürnberg (Foto: Werk)

Daher verwundert es nicht, dass auf dem Johannisfriedhof viele berühmte Persönlichkeiten ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Darunter befindet sich auch Albrecht Dürer (†1528), der berühmteste Sohn der Stadt Nürnberg. Der Friedhof wurde mehrfach erweitert. Seine größte Erweiterung erfuhr er durch den Ankauf des benachbarten Schießplatzes im Jahre 1856. Auf dem neuen Gelände wurden nun auch stehende Grabsteine erlaubt. Um die Nachfrage nach exklusiven Grabplätzen zu befriedigen, errichtete man 1860 eine neugotische Arkadenhalle am Westrand des Friedhofs. Die gotische St. Johanniskirche auf dem Johannisfriedhof ist die einzige Nürnberger Kirche aus dem Mittelalter, die die Bombennächte des Zweiten Weltkriegs unbeschadet überstanden hat. Bereits 1238 wurde mit päpstlicher Erlaubnis zunächst eine Kapelle für den vom Deutschen Orden betriebenen Siechkobel errichtet. Im 14. Jh. wurde sie dann zur St. Johanniskirche erweitert.

Der St. Rochusfriedhof wurde nach dem Ratsbeschluss von 1517 südwestlich der Stadt angelegt. Die Nürnberger Patrizierfamilie Imhoff durfte 1521 hier eine eigene Grabkapelle errichten. Als Namenspatron wurde der damals populäre Pestheilige St. Rochus gewählt. Die Rochusverehrung kam durch die regen Handelsbeziehungen zwischen Venedig und Nürnberg zustande, vor allem durch die Imhoffs. Da in der südlichen Nürnberger Altstadt, der Lorenzer Stadthälfte, vorwiegend Handwerker angesiedelt waren, findet man auf dem St. Rochusfriedhof überwiegend Gräber dieser Bürger. Es wurden hier aber auch Nürnberger Berühmtheiten begraben wie der Erzgießer Peter Vischer d.Ä. (†1529) oder der Komponist Johann Pachelbel (†1706).

Epitaphienkunst

Die Größe der Grabsteine auf den Nürnberger Friedhöfen war streng reglementiert. Durch diese Vorschriften sollte erreicht werden, dass zumindest im Tode alle Bürger gleich sein sollten. Nicht zuletzt durch die Größenbeschränkung entwickelte sich die kunsthistorisch bedeutsame Epitaphienkunst der Nürnberger Rotgießer. Epitaphien (Grabtafeln) aus Messing und Bronze gefertigt, wurden auf den liegenden Grabsteinen angebracht. Waren zuerst Patrizierwappen und Handwerkerzeichen vorherrschend, so entstanden vor allem in der Barockzeit aufwändige Beispiele mit reichem Figurenschmuck. Es gibt einige Epitaphien, die die gesamte Oberfläche des Grabsteins bedecken, wie z.B. das Barockepitaph für Andreas Georg Paumgartner aus dem Jahre 1679. Die Grabsteine wurden generell in West-Ost-Richtung (Blick in Richtung Jerusalem) ausgerichtet, was dem Gräberfeld eine einheitliche Prägung verleiht. Nur wenige Ausnahmen von dieser Regel gibt es. Erst Mitte des 19. Jh. wurden die Beschränkungen aufgehoben.

West- und Südfriedhof

Im 19. Jh. wuchs die Bevölkerung Nürnbergs durch Industrialisierung und Eingemeindungen stark an. Da die kirchlichen Friedhöfe unter Platzmangel litten, aber nicht mehr erweitert werden konnten, wurden 1880 der Centralfriedhof (heute: Westfriedhof) und 1913 der Südfriedhof als Kommunalfriedhöfe eröffnet. Der Westfriedhof wurde nach dem Vorbild des parkartigen Ohlsdorfer Friedhofes angelegt. Auf dem Westfriedhof befindet sich das zentrale Nürnberger Krematorium, das 1913 errichtet wurde und die erste Einrichtung zur Feuerbestattung in Bayern war. Im Nordwesten grenzt der Westfriedhof an den 1910 eingeweihten Neuen Israelitischen Friedhof an. Der Südfriedhof ist der größte Nürnberger Friedhof. In einem ehemaligen Waldgebiet wurde die Begräbnisstätte nach dem Vorbild des Münchner Waldfriedhofs angelegt. Durch die aufgelockerte Gestaltung der Gräberfelder konnte der Parkcharakter gewahrt werden. Neben dem Südfriedhof wurde 1981 einer der beiden Leitfriedhöfe in Deutschland eröffnet.

Heute gibt es in Nürnberg 21 Friedhöfe, auf denen noch bestattet wird: je zehn kirchliche und kommunale sowie der Neue Israelitische Friedhof. Zwei Friedhöfe im Stadtteil Gostenhof werden heute nicht mehr für Bestattungen genutzt: Der 1693 angelegte Militärfriedhof, der direkt an den Rochusfriedhof angrenzt. Im November 1918 fand hier die letzte Bestattung statt. Für das Militär wurde nach dem 1. Weltkrieg auf dem Südfriedhof ein gesondertes Gräberfeld angelegt. Die sogenannten Franzosengräber von 1870/71 auf dem Militärfriedhof wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört.

Der alte Israelitische Friedhof wurde 1864 von der israelitischen Gemeinde angelegt und bis 1910 genutzt. Er ist öffentlich nicht zugänglich. Wegen fehlender Erweiterungsmöglichkeiten wurde 1910 der Neue Israelitische Friedhof eröffnet, der bis heute für Bestattungen genutzt wird. Beide israelitischen Friedhöfe wurden während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft geschändet und aller Metallteile beraubt. Der ehemalige Friedhof der mittelalterlichen israelitischen Gemeinde befand sich innerhalb der Stadtmauern. Er wurde 1499 nach der Vertreibung der Juden aus Nürnberg zerstört und bebaut und die Grabsteine als Baumaterial, unter anderem für die Lorenzkirche (Treppenstufen), verwendet.

* Der Autor ist Ressortleiter für Stadtteile und Friedhöfe im "Verein Geschichte für Alle e.V. Nürnberg"

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Kapellen in Ohlsdorf Orte des Abschieds (August 2007).
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