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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Wenn Großeltern trauern - Für sie gibt es kein Forum für Gespräche und Erfahrungsaustausch

Autor/in: Kurt Herrmann
Ausgabe Nr. 83, IV, 2003 - November 2003

Ein Kind ist gestorben, ein Baby. Wie es so zutreffend und erbarmungslos heißt: Plötzlich und unerwartet.

Eine junge Familie erlebt das größte unvorstellbare Grauen, Entsetzen. Hilfe, diese von größter Trauer und tiefster Verzweiflung geprägte Situation zu bewältigen, gibt es außerhalb des Familienkreises inzwischen immer häufiger - in Zusammenkünften Betroffener, in Gesprächskreisen. Auch hat das Thema "Kind und Tod" Eingang in die Berichterstattung der Medien gefunden und stößt auf eine breite Resonanz und Akzeptanz in der Öffentlichkeit.

Doch eine Personengruppe steht dabei im Abseits: Die Großeltern der betroffenen Familien oder Partnerschaften. Zumeist sind sie es, die als nächste Bezugspersonen gerufen werden. Wenngleich sie dem unausweichlichen Ende des Lebens näher sind als die Nachkommen, sich darüber ihre Gedanken gemacht haben mögen, auch darüber gesprochen und womöglich schon Vorsorge getroffen haben: Der Tod eines Enkelkindes stürzt auch - und gerade - sie in eine tiefe Dunkelheit. Denn zu den Enkeln besteht in der Regel ein ganz anderes, von den Anforderungen und Sorgen des vorigen Familienalltags unabhängiges, unbeschwertes Verhältnis mit einer so andersgearteten intensiven Nähe als zu den eigenen Kindern. Und Enkelkinder fordern im starken Maße immer wieder Vergleiche mit ihnen heraus.

Ein Kind, ein Enkel ist - plötzlich und unerwartet - gestorben: Wie wohl nie zuvor finden sich Großeltern unvorbereitet in einer Phase wieder, die von ihnen Erhebliches fordert: Der verzweifelten Familie beizustehen, das nicht zu beschreibende Leid besonders des eigenen Eltern-Kindes miterleben zu müssen und die eigene Trauer zu tragen und zu ertragen.

Besonders schwerwiegend dabei sind die Erinnerungen an die glücklichen frühen Jahre der Mutter, des Vaters des gestorbenen Kindes und die sich daraus unerbittlich einstellende Schicksalsfrage: Wenn Du, meine Tochter, mein Sohn, in jener unbeschwerten Zeit hättest ahnen müssen, was Dir einst bevorstehen wird ...

Wenn es auch sehr hilfreich ist, dass Großeltern für kurze oder längere Zeit um den Ablauf des täglichen Lebens der Kinder und Enkel besorgt sind, sich den hinterbliebenen Geschwistern und ihren Sorgen widmen können und sich bemühen, deren junges Leben nicht gänzlich dem Schatten des Todes von Bruder, von Schwester auszusetzen: Großeltern müssen noch auf lange, lange Zeit nach dem schrecklichen Geschehen behutsam sein, zuhören können, auf immer die gleichen Fragen Antworten finden, wobei eine mögliche Mitschuld der Eltern am Tod ihres Kindes eine besondere Stellung einnimmt. Großeltern müssen sich in eine beschützende Rolle für die beiden ihnen folgende Familiengenerationen einfinden und Trost, immer wieder Trost spenden.

Denn keiner in der leidtragenden Familie hat sich auf die bedrückende Situation einstellen und praktische wie mentale Vorbereitungen treffen können. Da ist es, wie gesagt, gut, dass außerhalb des Familienkreises die Möglichkeit des Austausches, der Zuwendung besteht. Für Eltern, für Geschwister.

Aber leider nicht für Großeltern. Denn bislang gibt es nur Gesprächskreise für verwaiste Eltern und Geschwister. Das doppelte Leid der älteren Generation, ihre Trauer, ihr Bedürfnis nach Aussprache und Erfahrungsaustausch mit Schicksalsgenossen hat noch kein Forum gefunden.

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft 125 Jahre Krematorien in Deutschland (November 2003).
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