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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Grabstätten bedeutender Opernsängerinnen und -sänger auf dem Friedhof Ohlsdorf

Der Hamburger Oper kommt im deutschen Sprachraum eine ganz besondere Rolle zu: Sie war die erste Bürgeroper in Deutschland und nicht das Spielzeug einer fürstlichen Hofhaltung.

Bereits im "Opern-Theatrum" am Gänsemarkt wurden um 1700 mehr als 280 Opern aufgeführt, aber erst im 1827 eröffneten Theater an der Dammtorstraße (1873 durch den Architekten Martin Haller repräsentativ im Stil der Gründerzeit umgebaut) errang Hamburg als Opernstadt Weltruf. Die Hamburger waren stolz auf ihre Oper, und Hofrat Pollini als Direktor nahm dies zum Anlass, die erste Subvention für den Spielbetrieb zu beantragen, die auch gewährt wurde. Unter ihm dirigierten unter anderem so bedeutende Kapellmeister wie Hans von Bülow und Gustav Mahler.

Ein Stück glanzvoller künstlerischer Epochen in mehr als einem Jahrhundert Hamburger Musiklebens spiegelt sich auch in den Grabstätten bedeutender Hamburger Opernsängerinnen und -sänger auf dem Friedhof Ohlsdorf wider. So sang im ersten Zyklus von Richard Wagners "Ring des Nibelungen" 1879, der viele kunstinteressierte auswärtige Theaterbesucher nach Hamburg lockte, Katharina Klafsky (* 1855 Mosonszentjános/Ungarn), die Brünnhilde - damals noch als Gast; erst 1886 wurde sie regelrechtes Mitglied der Hamburger Oper. Die hochdramatische Sopranistin hinterließ bei ihren Gastspielen, vor allem Wagner-Opern, international unvergessliche Eindrücke. Noch vor Beginn ihres Engagements an der New Yorker Metropolitan Opera starb sie plötzlich 1896 in Hamburg und wurde im Kostüm der Venus aus dem "Tannhäuser" an der Seite ihres Mannes, des Baritons Franz Greve, beigesetzt (Grablage X 5, 408/409). Auf dem Grabstein erinnert nur die Aufschrift "Katharina" an sie.

Max Alvary (* 1856 Düsseldorf, † 1898 Groß-Tabarz/Thüringen), der eigentlich Achenbach hieß, hatte bereits in den USA großartige Erfolge als Wagner-Heldentenor gefeiert, als er 1891 bei den Bayreuther Festspielen die Titelpartien im "Tannhäuser" und im "Tristan" verkörperte. Noch im gleichen Jahr wechselte er nach Hamburg und kreierte 1893 an der Londoner Coventgarden-Oper seine größte Wagner-Rolle, den "Siegfried" im "Ring"-Zyklus unter Gustav Mahler. Er galt als Typ dieser Wagner-Gestalt schlechthin und erregte unter anderem auch dadurch Aufsehen, dass er die Wagner-Heroen ohne Bart darstellte. Sein obeliskartiger schwarzer Grabstein findet sich in G 10, 74-76. 1888 sang der Bass-Bariton Friedrich Heinrich Lißmann (* 1847 Berlin, † 1894 Hamburg) an der Hamburger Oper in der deutschen Erstaufführung von Verdis "Othello" den Jago. Die Grabstätte des Künstlers, der noch zwei Tage vor seinem Tode als Alberich im "Siegfried" in Hamburg auf der Bühne stand, ist vor einigen Jahren aufgelöst worden (ehemals M 11, 212/213).

Im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts hatte die Hamburger Oper mit ebenso markanten wie international erfolgreichen Sängern aufzuwarten. So war der Bassist Max Lohfing (* 1870 Blankenhain, † 1953 Hamburg) fast vier Jahrzehnte lang der Liebling der Hamburger Opernbesucher. Der Künstler beherrschte über 170 Partien (Grabstein mit Notenbild auf P 8, 6). Auch der italienisch-belcantistische Tenor Carl Günther (* 1885 Altona, † 1958 Hamburg) war als "uns Kuddl" populär. Er blieb trotz internationaler Erfolge und verlockender Angebote Hamburg treu und wirkte später als Gesangslehrer (U10, 255/256).

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Grabmal Lohfing (Foto: Bockstiegel)

Nicht mehr erhalten ist die originelle, aus Ziegelsteinen gemauerte Grabstele des Baritons Otto Goritz (* 1873 Berlin, † 1929 Hamburg), der zwischen 1903 und 1920 einer der größten deutschen Künstler an der New Yorker Metropolitan Oper war und hier auch 1910 in der Uraufführung der Märchenoper "Königskinder" von Humperdinck die Rolle des Spielmanns sang (ehemals R 21, 137/138). Auch die Grabstätte von "Hein" Bötel (* 1854 Hamburg, † 1938 Hamburg) gibt es nicht mehr (ehemals Y 16, 91/Z 16, 35-38). Heinrich Bötel - seine Karriere führte vom singenden Kutscher zum international gefeierten Operntenor. Berichtet wird vom "trompetenhaften Glanz seiner Stimme, die mühelos das hohe C erreichte". Als seine Glanzrolle galt der Chapelou im "Postillon von Lonjumeau", wobei man auch immer wieder seine Fertigkeit im Peitschenknallen bestaunte.

Eine sehr lange und erfolgreiche Karriere als Tenor-Buffo hatte in Hamburg Paul Schwarz (* 1887 Wien, † 1980 Hamburg). Bis 1933, dem Jahr der offiziellen Umbenennung in "Hamburgische Staatsoper", sang er dort in mehr als 4.000 Vorstellungen 145 Partien, auch aus dem heldischen Fach (D 12, 116-119). Willi Birrenkoven (* 1865 Köln, † 1955 Hanstedt) war ein ebenso bedeutender Opern-Heldentenor wie ein großer Konzert- und Liedersänger. Vor allem als Wagner-Interpret gehörte er zur internationalen Elite (R 3, 218). Schließlich zählte als Oratorien- und Liedsängerin Henny Wolff (* 1897 Köln, † 1965 Hamburg) über Jahrzehnte zu den profiliertesten Gestalten des deutschen Konzertlebens. Sie wirkte später als gesuchte Gesangsprofessorin. Ihre Grabplatte befindet sich jetzt im "Garten der Frauen" (P 27).

Einige Grabstätten bedeutender Hamburger Opern- und Operettensänger/-innen lassen die Erinnerung an tragische Künstlerschicksale aufkommen. So kam die große Operettendiva Anny Ahlers (* 1902 Hamburg), einer der ganz großen Stars der Berliner Operetten- und Revue-Bühnen, 1933 bei einem Sturz aus dem Fenster ihres Hotelzimmers in London ums Leben. Die Ursache blieb bis heute ungeklärt (G 18, 296). Der Vater des später bekannten Komponisten Peter Kreuder, der Tenor Peter Kreuder (* 1870 Köln), brach 1930 während einer "Rheingold"-Aufführung, in der er den Mime sang, auf der Bühne der Hamburger Oper nach einem Herzschlag tot zusammen. Er hatte in Hamburg unter anderem 1927 in der Uraufführung der Korngold-Oper "Das Wunder der Heliane" mitgewirkt. Seine Grabstätte (Bp 70, 304) ist mittlerweile aufgelöst.

Durch einen viel zu frühen Tod wurden auch die Karrieren dreier weiterer Hamburger Kammersänger beendet. So war der farbige Bariton Lawrence Winters (* 1915 Kings Creek/USA, † 1965 Hamburg, Stele auf P 8, 233/234) nicht nur durch seine warme Stimme dem Opernpublikum vertraut, sondern auch den Rundfunkhörern und Fernsehzuschauern, denen er vielfach mit populären Volksliedern begegnete. Die gewaltige, tiefe Bassstimme von Peter Roth-Ehrang (* 1920 Ehrang b. Trier, † 1966 Hamburg) war geradezu prädestiniert für den Fafner im "Ring"-Zyklus, den der Künstler zwischen 1960 und 1964 in Bayreuth sang (Liegestein auf Y 10, 242). In der Liebermann-Arä der Hamburgischen Staatsoper zählte auch der 1931 in Nürnberg geborene Tenor Erwin Wohlfahrt zu den namhaften Uraufführungs-Sängern. Bis heute legendär ist sein Mime in Wagners "Ring", den er auch in Bayreuth, Salzburg, Mailand und New York kreierte. 1968 starb er in Hamburg an einer unheilbaren Blutkrankheit (Stele auf Bk 69, 1457/1458).

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Grabmal Wohlfahrt (Foto: Bockstiegel)

Die größte Beisetzung in den ersten zehn Nachkriegsjahren erlebte Hamburg im September 1954, als der überaus populäre Tenor Peter Anders (* 1908 Essen) auf dem Friedhof Ohlsdorf seine letzte Ruhe fand (P 7, 11-12). Er war an den Folgen eines schweren Autounfalles im Hafenkrankenhaus verstorben. Anders gehörte nach dem 2. Weltkrieg zu den bekanntesten deutschen Sängern und war außer in Hamburg ebenso in Düsseldorf, Stuttgart, Berlin, Wien, Salzburg, Edinburgh und London erfolgreich. Wie viele andere seiner Kolleginnen und Kollegen wirkte er darüber hinaus auch als Konzertsänger. Seine Stimme hatte sich vom jugendlichen Mozart-Tenor zum schweren Heldentenor entwickelt. Im gleichen Grab ruht auch seine Frau, die Sopranistin Susanne Anders, geb. Mysz (1909 - 1979).

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Grabmal Peter und Susanne Anders (Foto: Bockstiegel)

Erinnert sei auch an die Namen der in Hamburg so erfolgreichen Opern- und Operettensänger Peter Markwort (* 1897 Köln, † 1982 Hamburg, S 9, 295/296), Ilse Koegel (* 1902 Charlowitz b. Pilsen, † 1979 Hamburg, Ehefrau des Staatsschauspielers Robert Meyn, X 28, 149/50), Karl Otto (* 1904 Frankfurt, † 1990 Hamburg, Br 62, 617/618), Helmut Melchert (* 1910 Kiel, † 1991 Hamburg, P 21, 301), Kurt Marschner (* 1913 b. Karlsbad, † 1984 Hamburg, Bp 65, 88) und Franz Felix (eigtl. Stefanek, * 1886 Wien, † 1963 Hamburg, AC 15, 82). Nicht zuletzt dank Rundfunk, Schallplatte und Fernsehen waren die Tenöre Rupert Glawitsch (* 1907 Laibach, † 1981 Hamburg, O 12, 196) und Heinz Hoppe (* 1924 Saerbeck, † 1993 Mannheim, Urnenhain W 19) bei einem Millionenpublikum populär.

Kehren wir zum Abschluss unseres Rundganges zum Anfang zurück - zu einer der markantesten Grabanlagen des Friedhofs Ohlsdorf (AD 20, 17/36) mit den Mitgliedern der Familie Stockhausen. Der Bariton Julius Stockhausen (* 1826 Paris, † 1906 Frankfurt/Main) war der berühmteste Liedersänger seiner Zeit, dessen besondere Liebe Brahms, Schubert und Schumann galt. Ebenso erfolgreich wirkte er als Dirigent, so leitete er zwischen 1862 und 1867 die Konzerte der Philharmonie und der Singakademie Hamburg, "deren gemeinsame Aufführungen künstlerische Höhepunkte des Hamburger Musiklebens des 19. Jahrhunderts waren" (H. G. Freitag in "Von Mönckeberg bis Hagenbeck"). 1879 gründete er in Frankfurt am Main eine eigene Gesangsschule, die er als gesuchter Gesangspädagoge bis zu seinem Tode leitete. Sein Sohn Professor Emanuel Stockhausen (* 1865 Hamburg, † 1950 Bergen) war als Schauspieler und Vortragskünstler in ganz Deutschland bekannt und ruht neben seinem Vater.

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft 125 Jahre Friedhof Ohlsdorf - wie geht es weiter? (Juni 2002).
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