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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Dankbar für Stätte der Trauer - Aschen Hunderter nicht lebend geborener Kinder in Aurich beigesetzt

Nach einer ergreifenden und beeindruckenden Trauerfeier, gestaltet von den lutherischen Pastoren Heike Musolf und Heinfried König, sind auf dem Auricher Lambertifriedhof erstmals Hunderte nicht lebend geborener Kinder in einem Gemeinschaftsgrab beigesetzt worden.

Es waren die Aschen jener kleinen Leichname, die seit Jahresbeginn 2000 im Kreiskrankenhaus Aurich zu früh/leblos zur Welt gekommen sind.

Wie verschiedentlich in dieser Zeitschrift berichtet, fallen Kinder mit einem Geburtsgewicht von weniger als 500 Gramm, die nach der Entbindung kein Lebenszeichen von sich geben, nicht unter das Personenstandgesetz (Ausnahme: das Bundesland Bremen). Für sie besteht mithin keine Bestattungspflicht. Da es sich hier gesetzlich um keine Menschen handelt und demzufolge die Krankenkassen auch kein Sterbegeld entrichten, müssen die Angehörigen gegebenenfalls die Beisetzung auf eigene Kosten veranlassen. Anderenfalls werden die nicht lebend geborenen Kinder gemeinsam mit Geweberesten oder Amputaten als Krankenhausmüll "entsorgt".

Schon seit 1996 besteht auf Initiative von Heike Musolf in Aurich das Projekt Save (Seelsorge an verwaisten Eltern). Im Verein mit den Chefärzten der Gynäkologie und Pathologie des Kreiskrankenhauses Aurich hat Save einen beispielhaften Ausweg aus dieser unwürdigen Praxis gefunden (über schon bestehende Initiativen hat Ohlsdorf bereits berichtet).

Die Eltern und Angehörigen der jährlich bis zu 300 im Kreiskrankenhaus Aurich geborenen Kinder haben die Möglichkeit, sie taufen oder segnen zu lassen, ihnen einen Namen zu geben und ohne zeitliche Begrenzung Abschied von ihnen nehmen zu können. Dann werden sie in der Pathologie aufbewahrt, um einmal jährlich auf Kosten des Krankenhauses eingeäschert und schließlich, wie jetzt geschehen, gemeinsam beigesetzt zu werden. Dafür stellt die Lambertigemeinde ihre Friedhofskapelle sowie eine Familiengrabstätte unentgeltlich zur Verfügung (über eine ähnliche Initiative im benachbarten ostfriesischen Leer siehe Ohlsdorf, Heft 69).

An der Abschiedsfeier in Aurich haben zahlreiche Familienangehörige teilgenommen - in aller Wehmut dankbar dafür, nun eines Ortes gewiss zu sein, an dem sie trauern können.

Als Zeichen für Trost und Zuversicht hatten die Kleinen des Lambertikindergartens für diese Zusammenkunft zuvor Waldfrüchte gesammelt, vor allem keimende Eicheln. Die Geistliche machte der Gemeinde Mut, diese Symbole für neues - und im christlichen Glauben weiterbestehendes - Leben mit nach Hause zu nehmen. Und ebenso die Kerzen, die zuvor von den Trauergästen zum Gedenken an ihre Kinder, die sie nicht haben kennenlernen dürfen, entzündet worden waren.

Mit dem Friedhofsgang war das Abschiednehmen jedoch noch nicht zu Ende. Ihm schloss sich eine besinnliche Zusammenkunft der Teilnehmer im Gemeindehaus an.

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Zukunft der Friedhöfe (Februar 2002).
Erkunden Sie auch die Inhalte der bisherigen Themenhefte (1999-2022).