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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Burgtor-Friedhof Lübeck - Nachträglich überklebt: Warum wohl?

Im vorigen Heft 80 von "Ohlsdorf - Zeitschrift für Trauerkultur" hat Norbert Fischer den kleinen neuen Führer über den Lübecker Burgtor-Friedhof rezensiert (weitere über die übrigen historischen Friedhöfe der Hansestadt sollen folgen).

Und hat es als rätselhaft empfunden, "warum auf Seite 34 bei der Grabstätte Gerhard Gaul eine Textpassage überklebt werden musste..."

Die drei Punkte hinter dem Satz machen neugierig. Und mit Hilfe einer hinter den Text gehaltenen 60-Watt-Glühlampe und einer soliden Lupe lüftet sich trotz der farbigen Rückseite des Überklebsels das Geheimnis dessen, was dem Leser vorenthalten werden soll. Es ist der ursprünglich letzte Satz zur Person und zu den Meriten des einstigen CDU-Justiz- und Wirtschaftministers Schleswig-Holsteins und Stadtpräsidenten Lübecks, Gerhard Gaul (1909-1982). Er lautet: "Für seine vielfältigen Verdienste wurde er zum Ehrenbürger ernannt und empfing hohe Auszeichnungen." Darunter war das Große Bundesverdienstkreuz.

Zu den "Verdiensten" jenes Mannes gehörte seine Tätigkeit als Nazi-Kriegsrichter, der wegen Lappalien 1942 und 1943 zwei junge Matrosen der Kriegsmarine hinrichten ließ und als Folge davon für einen tödlichen Herzanfall der Mutter ihres einzigen Sohnes verantwortlich gewesen ist. Ebenfalls 1943 hat Gaul einen Norweger wegen angeblicher Wehrmittelbeschädigung zum Tode verurteilt, auch er wurde hingerichtet.

Ein Blick in das aktuelle Internet-Verzeichnis der Ehrenbürger der Hansestadt Lübeck hätte die ortsansässigen Herausgeber den Namen Gerhard Gaul vergeblich suchen lassen und ihnen die peinliche, nun um so auffälligere Korrektur erspart. Der Schnipsel indes mag jenen gleichfalls auf dem Burgtor-Friedhof Ruhenden zur Ehre gereichen, die sich dem Naziterror nicht gebeugt und dafür die Quittung erhalten hatten: Adolf Ehrtmann (1897-1979) zum Beispiel, einst Bausenator, dem seine Zugehörigkeit zum Zentrum und zum Widerstandskreis der drei 1943 in Hamburg hingerichteten Lübecker Kapläne fünf Jahre Zuchthaus einbrachten. Und Otto Passarge (1891-1976), 1946 Bürgermeister Lübecks. Der seit 1930 amtierende SPD-Fraktionsvorsitzende der Bürgerschaft fand sich ab 1933 mehrmals im berüchtigten Konzentrationslager Fuhlsbüttel (KoLaFu) wieder.

Zu nennen ist auch Dr. Julius Leber, langjähriger SPD-Reichtstagsabgeordneter Lübecks, einer der maßgeblichen Widerstandskämpfer, nach einem erfolgreichen 20. Juli 1944 als Reichs-Innenminister vorgesehen. Er wurde im Januar 1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtet, seine Asche wurde verstreut. Auf dem Ehrenfriedhof vor dem Burgtor Lübeck erinnert ein stattlicher Gedenkstein an ihn. Dort sind auch die 300 Opfer des ersten gezielten alliierten Luftangriffs nach neuer Taktik auf eine dichtbewohnte deutsche Stadt in der Palmarumsnacht 1942 bestattet worden. Die Ehrenanlage befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft des Burgtor-Friedhofs und hätte deshalb unter zeitgeschichtlich-historischen Aspekten in dem kleinen Leitfaden durchaus erwähnt werden dürfen.

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Urne im Wohnzimmer? (Mai 2003).
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